Zum Tod von Mustafa Tlass: Der General der Assads   

Kriegsherr, Henker und Herausgeber antisemitischer Hetzschriften: Der syrische General Mustafa Tlass agierte vier Jahrzehnte lang in Syriens Machtzentrum. Am Dienstag starb er im Alter vom 85 Jahren in Paris – für seine Taten wurde er nie belangt.

 
 

Wie viele Todesurteile er persönlich unterzeichnet hat, weiß Tlass heute nicht mehr genau zu sagen. Es müssen Tausende gewesen sein. Er spricht leise, wenn er erläutert, warum all diese Grausamkeiten unvermeidlich gewesen seien. Ja, auch die vielen Gehenkten – manchmal, in den achtziger Jahren, waren es 150 in einer einzigen Woche, und das allein in Damaskus. „Wir haben uns die Macht mit Waffen genommen, und wir wollten sie behalten. Wer sie haben will, der muss sie uns mit Waffen nehmen“, sagt der General mit einem feinen Lächeln.

So steht es in einer SPIEGEL-Reportage, die 2005 erschien – wenige Monate nachdem Mustafa Tlass nach 32 Jahren sein Amt als syrischer Verteidigungsminister aufgegeben hatte. Rund vier Jahrzehnte lang hatte Tlass an vorderster Front die Geschicke Syriens mitgeprägt. Unzählige sind auf seinen Befehl hin getötet worden.

Putsch für Putsch zur Macht
Seine Karriere beginnt Anfang der 1950er Jahren, als er Hafiz al-Assad, den langjährigen syrischen Diktator, kennenlernt. Zu diesem Zeitpunkt sind sie beide noch junge Militärs. In den kommenden Jahren werden sie – nach anfänglichen Rückschlägen – gemeinsam immer weiter in der Hierarchie des Staates aufsteigen. So lange, bis Hafiz al-Assad 1970 schließlich als Alleinherrscher den Präsidentenpalast bezieht.

Dieser finale Putsch, der die Assad-Dynastie begründet, ist auch mit dem Schicksal Tlass’ verbunden. 1963 hatte die Ba’ath-Partei die Macht ergriffen, doch die verschiedenen Flügel innerhalb der Partei konkurrieren um die Vorherrschaft – Konflikte die sich durch die Niederlage im Krieg gegen Israel im Jahr 1967 weiter verschärfen. Die Macht liegt zu diesem Zeitpunkt de facto bei Generalstabschef Salah Dschadid. Dieser will Tlass, den engen Vertrauten und Verbündeten Hafiz al-Assads, damals Verteidigungsminister, loswerden. Das Manöver ist einer von vielen Gründe, die schließlich zum neuerlichen Putsch 1970 und der Machtergreifung Assads führen. Im Anschluss rüstet Tlass mit sowjetischer Unterstützung die syrische Armee weiter auf, bis er 1972 von Assad zum Verteidigungsminster ernannt wird – eine Position, die in Syrien von weitaus höherer Bedeutung ist, als in den meisten anderen Ländern. Wie viel Tlass jedoch tatsächlich in militärstrategischen Fragen zu sagen hatte, ist umstritten.

Massaker und Hinrichtungen
1973 versuchen sich Assad und Tlass an einer Revanche gegen Israel – verlieren den Krieg jedoch erneut. Die folgenden Jahre stehen vor allem im Zeichen der Repression gegen alle Gruppierungen, die dem Regime gefährlich werden könnten. 1982 ist Mustafa Tlass mitverantwortlich für das Massaker von Hama, in dessen Verlauf rund 20.000 Menschen im Namen des Kampfes gegen die islamistischen Muslimbrüder getötet werden. Doch nicht nur gegen die Islamisten richtet sich ihre Gewalt – auch die linke und die liberale Opposition ist extremer Repression ausgesetzt, Zehntausende landen in den Gefängnissen, werden zu Tode gefoltert oder exekutiert. Tlass ist in dieser Zeit verantwortlich für tausende Hinrichtungsbefehle.

Tlass (links) mit Bashar al-Assad

Förderer des jungen Assads
Als Hafiz al-Assad 2000 stirbt, ist es Tlass, der die Machtübernahme Bashar al-Assads organisiert. Der alte General war es auch, der den Sohn seines alten Freundes und Weggefährten maßgeblich zum Nachfolger aufgebaut und schließlich gegen dessen interne Gegner durchgesetzt hatte. Manche Beobachter schätzen Tlass als einen politischen Ziehvater des jungen Präsidenten ein.

In der Öffentlichkeit tut sich Tlass auch als Romanautor sowie als fanatischer Antisemit hervor. Lange betreibt er einen eigenen Verlag, in dem er etwa die arabische Übersetzung der „Protokolle der Weisen von Zion“ publiziert, das einflussreiche judenfeindlichen Pamphlet. Tlass selbst verfasst ein Buch über die antijüdische Ritualmordlegende, derzufolge Juden vor dem Pessachfest Menschen töten, um mit dem Blut der Opfer Matze zu backen. Noch Anfang der 2000er – das Buch hatte seine nunmehr achte Auflage erreicht – verteidigt der General die Hetzschrift als fundiert.

Unbehelligt bis zum Ende
Mit dem Beginn der syrischen Revolution begibt sich Tlass 2011 nach Paris – angeblich aus medizinischen Gründen. Er kehrt nie wieder nach Syrien zurück. Später desertiert sein Sohn Manaf – seines Zeichens hochrangiger Militär – aus der syrischen Armee.

Am 27. Juni 2017 stirbt Mustafa Tlass in Paris. Obwohl syrische Menschenrechtler einen Prozess wegen Kriegsverbrechen gegen den einstigen Funktionär anstrebten und rund 300 Zeugen zusammenbrachten, die bereit waren gegen ihn auszusagen, kam es nicht zum Prozess. Bis zuletzt lebte Tlass, der die ihm zur Last gelegten Taten nie bestritt, unbehelligt im Herzen Europas.

„Wenn du an der Macht bleiben willst, musst du den anderen Angst machen“, sagte er dem SPIEGEL 2005. Sein politischer Ziehsohn Bashar al-Assad hat sich an diese Devise gehalten.