Vom „Teilen und Herrschen“ zu Dialog und Kooperation

Qamishli steht unter kurdischer Selbstverwaltung. Aber hier leben nicht nur KurdInnen, sondern auch AraberInnen, AssyrerInnen, ArmenierInnen, und andere Minderheiten. Im Zivilen Zentrum „Mandela House“ setzen sich AktivistInnen für interkulturellen Dialog und Konfliktbewältigung ein.

„Vor der Revolution lebten die verschiedenen Bevölkerungsgruppen wie in Parallelwelten nebeneinander her – es gab zwischen ihnen keine Kommunikation, keine Verständigung, keinen Dialog“, sagt Leyla Xelef, eine Aktivistin des zivilen Zentrums in Qamishli. „Das Regime hat stets eine Kultur des Mißtrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen gesät.“

Wie viele Diktaturen hat auch das Assad-Regime verschiedene ethnische und konfessionelle Gruppen systematisch gegeneinander aufgebracht, etwa durch die gezielte Verbreitung von Vorurteilen, durch Diskriminierung oder die selektive Vergabe von Privilegien. Die Strategie erlaubt es dem Regime, sich als Garant für Stabilität und die Einheit des Landes zu inszenieren.

Was tun gegen Vorurteile und Misstrauen?

„Als hier im Zug der Revolution innerhalb der einzelnen Bevölkerungsgruppen zivilgesellschaftliche Initiativen entstanden haben wir diese angesprochen und in Diskussionsrunden und Workshops miteinander in Kontakt gebracht“, sagt Leyla Xelef.

Leyla Xelef, Leiterin des Mandela-House

In einem „Network für Peace“ sitzen seitdem VertreterInnen der verschiedenen Gruppen mittlerweile regelmäßig an einem Tisch. „Wir versuchen damit das Misstrauen abzubauen und sind damit ziemlich erfolgreich, wir haben FreundInnen und reguläre BesucherInnen des Zentrums mit verschiedenen Hintergründen gewonnen.“

Zufrieden ist Leyla aber noch lange nicht. „Wir adressieren zwar auch mit einzelnen Personen aus den verschiedenen Gruppen, aber es ist effektiver, zivilgesellschaftliche Initiativen anzusprechen, die innerhalb ihrer Gruppe ein gutes Standing haben.“ Aber nicht in allen der Bevölkerungsgruppen gebe es Initiativen, die das Zivile Zentrum für Kooperationen erreichen könne. „Es bleibt eine große Herausforderung“, sagt Leyla Xelef.

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Emanzipation auf dem Land fördern

Das Zivile Zentrum Qamishli ist nicht nur in der Stadt selbst aktiv. „In unserem Projekt „We are all responsible“ haben wir uns vor allem an Frauen auf dem Land gewandt. Im Mittlepunkt steht das Thema Gewalt gegen Frauen, es geht um Frauenrechte und generell um Bürgerrechte“, sagt Leyla.

Die Integration von Frauen in die lokale Zivilgesellschaft gehört zu den zentralen Zielen des Mandela House. Foto: CSC Qamishli

“Was mir bei den Workshops am meisten auffiel: Wie sehr die zivilgesellschaftlichen Organisationen hier die Leute auf dem Land vernachlässigt haben. Wir erwarteten bei den Veranstaltungen vielleicht 15 Leute, aber es kamen nie weniger als 40.“

»Durch meine Arbeit im Mandela House kann ich meinen Verstand einsetzen und finanziell unabhängig sein. Ich möchte, dass andere Frauen diese Chance auch haben.«

Angst vor Anschlägen – Angst vor Flüchtlingen?

In der von der kurdischen Selbstverwaltung regierten Region ist die Sicherheitslage relativ gut, sie blieb von Luftangriffen des Regimes und seiner Allierten bislang ausgenommen. Angst vor Explosionen gehört in Syrien selbst dort zum Alltag, wo keine Bomben fallen. Im kurdisch geprägten Qamishli begehen IS-Dschihadisten immer wieder schwere Terroranschläge – etwa im Juli 2016, als bei der Explosion eines LKW 75 Menschen ums Leben kamen.

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Auch das zivilgesellschaftliche Zentrum wurde beschädigt. „Zwar haben wir binnen zwei Wochen alles repariert und die beschädigten Geräte ersetzt, aber das hat mich psychisch mitgenommen. Es bedrückt mich jedes Mal, wenn ich daran zurückdenke. Dann habe ich wieder die Leichenteile im Kopf, die überall herumlagen“, erzählt Leyla.

Sie und ihre KollegInnen haben ihre Arbeit schon bald nach dem Anschlag wieder aufgenommen. „Wir werden vorerst damit Leben müssen, dass solche Anschläge passieren können“, sagt sie. „Aber gerade deswegen müssen wir weitermachen, müssen für die Betroffenen psychosoziale Unterstützung organisieren und verhindern, dass die Angst voreinander zu Konflikten führt – etwa die Angst vor den Binnenflüchtlingen aus IS-Gebieten.“

In den kurdisch kontrollierten Gebieten ist die Sicherheitslage relativ gut – immerhin wird das Gebiet bislang nicht bombardiert. Foto: CSC Qamishli

Menschen, die vor dem „Islamischen Staat“ geflohen sind, werden oft verdächtigt, selbst IS-Terroristen zu sein. „Wir haben deshalb ein Café Global eingerichtet, um miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagt Leyla. Auch wenn die grundlegenden Voraussetzungen schwer vergleichbar sind: In vieler Hinsicht ähnelt die Arbeit des Mandela House in Qamishli dem zivilgesellschaftlichen Engagement gegen Vorurteile und Rassismus hierzulande.

Zentren der Zivilgesellschaft vernetzen zivile Initiativen, um ihre Kräfte zu bündeln, fördern den Erfahrungsaustausch der Gruppen untereinander und unterstützen die Bevölkerung bei der Selbsthilfe. So schaffen sie vor Ort Strukturen, mit deren Hilfe sich die Menschen mit friedlichen Mitteln gegen Diktatur und Dschihadismus zur Wehr setzen.

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