Ziviles Zentrum Talbiseh: Widerstand gegen Ignoranz und „alternative Fakten“

In Talbiseh haben sich Medienaktivisten in einem Zivilen Zentrum zusammengeschlossen um ihr Know How zu verbessern und es an andere weiterzugeben. Wie viele AktivistInnen der syrischen Revolution begannen sie ihr Engagement mit der Dokumentation der Proteste von 2011. Heute dokumentieren sie vor allem Kriegsverbrechen.

„Die Wahrheit ist im Krieg das erste Opfer.“ Der Gemeinplatz wurde schon lange vor der Debatte um „Fake News“ und „alternative Fakten“ hoch- und runterzitiert. Tatsächlich leben BeobachterInnen des Syrien-Kriegs häufig in informationellen Paralleluniversen: Je nachdem welchen Quellen man vertraut, sieht die Realität in Syrien ganz anders aus.

Hassan Abu Noah, ein Medienaktivist und Mitgründer des Zivilen Zentrums Talbiseh, kennt das bestens:

»Wenn der Betrachter eines Videos, das wir hier in Talbiseh aufgenommen haben, neutral ist oder mit der Revolution sympathisiert, wird er sagen, dass das Video unumstößlich Tatsachen belegt, die niemand leugnen kann. Wenn die Person dagegen dem Regime zugeneigt ist, wird sie sagen, das Video sei in einem Filmstudio in Katar produziert worden.«

Fiel diese Bombe wirklich – oder ist das ein Fake?

Als Medienaktivisten könnten sie noch so sehr versuchen, die Bombardierung ihrer Stadt und die Folgen für die Zivilbevölkerung akribisch zu dokumentieren – die Einordnung ihrer Arbeit liege letztlich bei den Betrachtenden. „Wir versuchen, so gut es geht objektiv und transparent zu arbeiten“, sagt Hassan, „aber die Bewertung liegt eben bei den Empfängern und nicht bei uns“.

Talbiseh wurde schon im September 2015 von der russischen Luftwaffe bombardiert. Foto: CSC Talbiseh

Viele Beobachter bewerten die Arbeit der Medienaktivisten des Zivilen Zentrums, das Hassan Abu Noah mit anderen Aktivisten gegründet hat, sehr positiv. Darunter immer wieder auch internationale Medien, obwohl diese syrischen Quellen oft skeptisch gegenüber stehen. „Viele Fernsehkanäle schicken uns Anfragen, dass sie Videos von uns nutzen wollen und dafür die Genehmigung brauchen.“

Ein Beispiel für die Kooperation der Aktivisten aus Talbiseh mit internationalen Medien ist deren Zuarbeit zu Recherchen des investigativen Netzwerks „Bellingcat“, das versucht, anhand frei zugänglicher Informationen transparent über umstrittene Kriegsereignisse aufzuklären. Anhand von akribischen Dokumentationen des Zivilen Zentrums Talbiseh zeigte Bellingcat in dieser Recherche, dass die russische Armee im Syrien-Krieg international geächtete Streumunition einsetzt – ein Kriegsverbrechen.

Ohne faktenstarke Augenzeugenberichte von betroffenen ZivilistInnen blieben diese Kriegsverbrechen im Dunkeln. Ohne den zivilgesellschaftlichen Medienaktivismus von syrischen Bürgerinnen und Bürgern gäbe es am Ende nur die Propaganda des Regimes, seiner russischen Verbündeten und anderer Kriegsparteien. Ihnen ihre Deutunghoheit zu nehmen ist das Ziel der zivilen AktivistInnen in Talbiseh und anderswo.

Wie Propaganda den Glauben and die Wahrheit zersetzt

Der Propaganda des Assad-Regimes der seiner russischen Verbündeten beizukommen ist allerdings harte Arbeit – vor allem da die Kriegsparteien oftmals verschiedene, sich widersprechende Versionen derselben Geschichte verbreiten. Ihnen geht es längst nicht mehr darum, eine konsistente Version der Wahrheit plausibel zu machen, sondern nur um allgemeine Verunsicherung.

Denn wenn bei den EmpfängerInnen der Propaganda am Ende der Eindruck bleibt, dass es keinerlei verlässliche Wahrheit mehr gibt, werden sie sich resigniert und fatalistisch vom Kriegsgeschehen abwenden und auch bei den schlimmsten Kriegsverbrechen nicht groß aufschreien – ein Kalkül, das leider vielfach aufgeht.

Die Medienberichte von zivilgesellschaftlichen Aktivisten versuchen dem authentische Augenzeugenschaft entgegenzusetzen – sie zeigen, was den Opfern widerfährt, um Ignoranz und Resignation Appelle an Empathie und Soldarität entgegenzusetzen.

Belagerung und Bombardierung zehren an den Nerven. Hassan und sein Kollege Firas im Zivilen Zentrum Talbiseh. Foto: CSC Talbiseh

Ein drastisches Beispiel der Medienaktivisten Tabiseh: Das Video der kleinen verletzten Aya, die nach einem Luftangriff im Krankenhaus nach ihrem Vater ruft – es ging weltweit durch die Medien. Wie bei anderen viralen Berichten über zivile Opfer des Krieges wurde die Echtheit des Videos von Regime-Anhängern angezweifelt: Die kanadische Assad-Apologetin Eva Bartlett behauptete, das Schicksal des Mädchens wäre mehrfach „recycled“ worden – ein Vorwurf, der längst widerlegt ist.

Keine journalistische Ausbildung – aber Erfahrung und Motivation

Doch mit Sicherheit können auch die Berichte von unabhängigen zivilgesellschaftlichen Medienaktivisten nicht per se „Objektivität“ beanspruchen, schon allein weil es eine von jeglicher politischen Perspektive absolute Objektivität nirgends gibt. Dazu kommt, dass die meisten MedienaktivistInnen in Syrien keine journalistische Ausbildung haben. Auch Hassan und seine Kollegen mussten sich das technische Know How, aber auch Standards journalistischer Arbeit erst aneignen.

»Wir versuchen, alles zu geben, was wir geben können, sei es alles was wir gelernt haben und wissen. Das ist ja eigentlich gar nicht unser Beruf. Wir wurden durch die Situation gezwungen, diese Arbeit zu machen.«

Ein Problem vieler MedienaktivistInnen ist laut Hassan Abu Noah, dass ihnen manchmal nicht klar genug sei, wie wichtig der Verzicht auf Übertreibungen ist. „Leider gibt es Aktivisten, die in ihren Worten übertreiben. Wenn es etwa ein oder zwei Verletzte gibt, dann sagen sie etwa, dass es zwanzig seien. Als wären zwei Verletzte nicht schlimm genug! Am Ende wird es immer jemand geben, der das aufdecken wird“.

Lokale Informationen für die Bevölkerung der Region

Im Zivilen Zentrum, in dem Hassan sein Wissen an Interessierte weitergibt – oft sind das zivilgesellschaftliche Aktivisten aus anderen Arbeitsbereichen – erklärt in den Workshops nicht nur, wie die Kamera zu handhaben ist, sondern auch wie wichtig akurate Berichte sind, um als glaubwürdige Quelle akzeptiert zu werden – auf internationaler, aber auch auf lokaler Ebene.

„Die meisten Menschen in Talbiseh erhalten ihre Nachrichten aus dem Internet“, sagt Hassan. Weil die Stromversorgung ständig unterbrochen sei, nutzen die Menschen eher ihr Smartphone als den Fernseher, um sich über das Geschehen um sie herum zu informieren. „Die Leute folgen gern Facebook-Seiten oder Homepages, die ihnen nahe sind, also etwa eine Homser Website, eine Seite aus Talbiseh oder sogar den persönlichen Facebook-Seiten von ihnen bekannten Medienaktivisten.“ Bei diesen fänden sie noch am ehesten unabhängige Nachrichten aus der Region.

Wenn es die Verhältnisse zulassen organisieren die AktivistInnen des Zentrums auch Ausstellung. Foto: CSC Talbiseh

Zensur durch bewaffnete Gruppen? „Komplette Unabhägigkeit gibt es nicht“

Zugleich sagt Hassan, dass es „ganz sicher nicht so etwas wie komplette Unabhängigkeit gibt. Das betrifft uns wie alle anderen genau so. Sicher kommt auch mal jemand und versucht, Druck auszuüben“. In den von Oppositionellen gehaltenen Regionen kommt es immer wieder vor, dass die lokal vorherrschenden bewaffneten Gruppen zensieren, was MedienaktivistInnen berichten dürfen und was nicht.

„Hier in der Gegend ist das nicht so heftig“, sagt Hassan. Wie es um das Verhältnis zwischen zivilgesellschaftlichen AktivistInnen und den lokalen Milizen steht, ist von Ort zu Ort unterschiedlich. In Talbiseh gebe es keinen „Import von Kämpfern aus anderen Regionen oder gar aus dem Ausland.“ Die Einheitend der Freien Syrichen Armee, die Talbiseh kontrollieren, bestehen laut Hassan aus Bürgern der Stadt: „Deren Familien leben auch alle hier.“ Das Verhältnis der Bewaffneten zur lokalen Zivilbevölkerung sei daher vertrauensvoll und einvernehmlich.

Ganz anders sehe es aus, wo die oft mit internationalen Kämpfern agierenden dschihadistischen und radikalislamistischen Milizen herrschten: „Einheiten von Außen, wie etwa IS, al-Nusra-Front oder Ahrar al-Sham, sind die lokalen Angelegenheiten völlig egal. Die hören auf niemanden“.

Wenn es darum geht, die Glaubwürdigkeit von Informationen lokaler AktivistInnen einzuschätzen, gehört daher stets dazu, die Situation vor Ort im Auge zu haben – eine mühsame Arbeit, an der allerdings niemand vorbeikommt, der sich mit der Situation in Syrien beschäftigen will.

Zentren der Zivilgesellschaft vernetzen zivile Initiativen, um ihre Kräfte zu bündeln, fördern den Erfahrungsaustausch der Gruppen untereinander und unterstützen die Bevölkerung bei der Selbsthilfe. So schaffen sie vor Ort Strukturen, mit deren Hilfe sich die Menschen mit friedlichen Mitteln gegen Diktatur und Dschihadismus zur Wehr setzen.

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