"Wir sind Zeugen eines kollektiven, globalen Versagens"

Die gezielte Bombardierung eines von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Krankenhauses in der Provinz Idlib sorgte Anfang dieser Woche für Entsetzen. Mindestens 25 Menschen starben und rund 40.000 lokale Zivilisten sind von medizinischer Hilfe abgeschnitten. Angriffe auf humanitäre Einrichtungen stellen Kriegsverbrechen dar – und gehören in Syrien trotzdem zum Alltag, wie ein aktueller Report zeigt.

Am 15. Februar wurde ein von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médicins Sans Frontières – MSF) unterstütztes Krankenhaus in Maarat Al-Numan in der Provinz Idlib innerhalb weniger Minuten vier Mal bombardiert. Ein weiterer Angriff folgte nach etwa 40 Minuten – ein sogenannter „double tap“, bei dem mutmaßlich medizinisches Personal und Rettungskräfte getroffen werden sollen. Es gibt mindestens 25 Tote, darunter 9 Mitarbeiter, sowie 10 Verletzte. Außerdem haben die Bewohner des Gebietes nun keinerlei Zugang zu medizinischer Versorgung mehr. Die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte macht Russland für den Angriff verantwortlich. Am Montag gab es mehrere Angriffe auf Kliniken und Schulen in Idlib und Aleppo, bei denen insgesamt rund 50 Zivilisten starben.

Angriffe auf zivile Ziele sind allgegenwärtig

„We are witness to a collective global failure“, twitterte Joanne Liu, internationale Präsidentin von MSF –

Internationale Präsidentin von MSF Joanne Liu @ twitter

Internationale Präsidentin von MSF Joanne Liu @ twitter

„Wir sind Zeugen eines kollektiven, globalen Versagens.“ Am 18. Februar, kurz nach den Angriffen in Idlib, stellte MSF einen Report in Genf vor, nach dem im vergangenen Jahr fast hundert Angriffe auf von ihnen unterstützte Krankenhäuser verübt wurden. Mehr als 154.000 Kriegsverletzte wurden dort behandelt, davon 30 bis 40 Prozent Frauen und Kinder. Die Dunkelziffer liegt weit höher, da die Daten der übrigen Krankenhäuser in diesem Bericht nicht erfasst werden konnten.

In einer eindrücklichen Rede beschreibt Liu die katastrophalen Zustände, denen Kranke und Verletzte in Syrien ausgeliefert sind: „Vorsätzliche Angriffe auf zivile Einrichtungen sind zur Routine geworden, darunter auch Krankenhäuser, in denen versucht wird, Leben zu retten. Die medizinische Versorgung in Syrien liegt im Fadenkreuz von Bomben- und Raketenangriffen. Sie ist zusammengebrochen. […] Mehrere Einrichtungen wurden nach dem Eintreffen von medizinischem Personal und Rettern ein zweites Mal getroffen. Patienten haben uns berichtet, dass sie zu große Angst haben, um noch Krankenhäuser aufzusuchen.“

Keine Besserung trotz UN-Resolutionen und Friedensverhandlungen

„Der Sicherheitsrat [der UN] hat Resolutionen verabschiedet, die Angriffe auf die Zivilbevölkerung und auf medizinische Einrichtungen sowie Belagerungen und Strategien des Aushungerns verbieten. Dennoch wird der Krieg in Syrien mit genau diesen Methoden geführt“, so Liu. Die andauernden Angriffe humanitärer Einrichtungen fallen völkerrechtlich unter Kriegsverbrechen, ebenso die Belagerungen der zahlreichen Gebiete, die der Bevölkerung auf menschenunwürdige Weise Zugang zu lebenswichtiger Grundversorgung sowie ihr grundlegendes Recht auf Flucht verwehren.

Erst in der vergangenen Woche hatten sich die Außenminister der Syrien-Kontaktgruppe auf eine schnelle Feuerpause geeinigt. Zusätzlich sollten die belagerten Gebiete endlich mit Hilfsgütern beliefert werden. Bisher gibt es jedoch kaum Anzeichen einer Verbesserung – mit Blick auf Idlib und Aleppo scheinen die Kampfhandlungen noch zuzunehmen. Was bleibt, ist der Eindruck, dass die internationale Politik versagt.