„Wir sind nicht nur Opfer, wir sind eine Zivilgesellschaft“

Fünf Jahre nach den ersten Demonstrationen in Syrien denkt die Aktivistin Ameenah Sawwan an die Anfänge der Revolution zurück. Angesichts der zahlreichen Demonstrationen und Proteste in den letzten Wochen sieht sie im ganzen Land die Zivilgesellschaft wieder erstarken.

Auf den ersten Blick schien es vor fünf Jahren, als würden wir ganz normale Leben führen. Wer damals in Syrien lebte, ohne groß nachzudenken, war in Sicherheit. Doch schon auf den zweiten Blick stimmte das nicht. Denn wer seine Meinung frei heraus äußerte, dem drohte Verfolgung und ein Leben in Dunkelheit, eine Dunkelheit in Folterkellern, die manchmal bis zu zehn Stockwerke tief in den Untergrund reichen.

Vierzig lange Jahre unterlag alles der Kontrolle einer einzigen Familie. Wir hatten Assad, den Vater, und Assad, den Sohn. In der Zeit ihrer Herrschaft wuchs die Unterdrückung, bis sie schließlich so massiv war, dass alle außerhalb des Landes dachten, die SyrerInnen würden sich niemals trauen, Veränderungen zu fordern. Bis zum 11. Februar 2011. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag, an dem in Ägypten das Regime Mubaraks stürzte.

Meine Mutter verhängte an diesem Tag die Fenster unseres Hauses. Sie war eine ängstliche Frau, wie die meisten Eltern, die ihre Kinder im Syrien der Assad-Diktatur großzogen. Sie hatte uns immer eingebläut, dass wir mit keinem Wort außerhalb des Hauses über Politik sprechen dürften. Doch als sie die Vorhänge zugezogen hatte, begann sie voll Freude zu singen und zu tanzen, sie feierte in ihrem eigenen Haus, als würde sie zum ersten Mal ein Gefühl der Freiheit erfahren.

Viele dachten damals, die syrische Revolution würde eine Kopie der anderen Revolutionen in der arabischen Welt. Aber das stimmt nicht: Denn der Aufstand in Syrien brauchte noch einen konkreten Auslöser, damit die Bevölkerung bereit war, Veränderungen einzufordern. Zwar hatten die Menschen genug von der jahrzehntelangen Ungerechtigkeit, aber erst musste das Regime noch einen Fehler machen, damit die Revolution ausbrach.

Die Sicherheitskräfte in Daraa verhafteten eine Gruppe von Schülern, die ähnliche Slogans an die Wände ihrer Schule schrieben, wie sie in Ägypten und Tunesien gerufen wurden. Nicht nur, dass es sich um Kinder handelte. Nach der Inhaftierung wiesen ihre Körper Brandwunden von Zigaretten auf und ihre Fingernägel waren herausgerissen. Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

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„Das Volk will den Sturz des Regimes“, Dar’a, Al-Jeeza

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Forderung „Genug mit Assad!“ im ganzen Land, wo nun jeden Freitag hunderte Demonstrationen stattfanden. Das Regime reagierte mit Gewalt und ließ sofort mit scharfer Munition auf die friedlichen Proteste schießen. Schon in den ersten Wochen gab es hunderte Verhaftete und dutzende Tote. Trotzdem glaubte die Bevölkerung monatelang, das Regime würde international unter Druck geraten und nachgeben, nachdem eine Million DemonstrantInnen lautstark einen demokratischen Wandel forderten.

Doch die Zeit verging und das Assad-Regime hatte weitgehend freie Hand beim Einsatz der Gewalt gegen friedlichen Proteste. Die Brutalität nahm immens zu, es wurden Massaker verübt, die Zahl der politischen Gefangenen stieg ins Unermessliche. Immer wieder erhoben SyrerInnen die Stimme, doch die internationale Gemeinschaft unternahm nichts Nennenswertes, um das Blutvergießen zu beenden.

Ab Mitte 2012 beging das Regime weitere Verbrechen gegen die Menschenrechte, indem es im ganzen Land viele Städte belagerte, die es als oppositionell ansah. Es schnitt sie von jeder lebenswichtigen Grundversorgung ab. Nach Hunger als Kriegswaffe folgten tödliche Fassbomben und der Einsatz der Luftwaffe gegen Wohngebiete. Niemand konnte sich vorstellen, dass es noch schlimmer werden könnte. Doch dann setzte das Regime in großem Stil Chemiewaffen ein, noch mehr SyrerInnen starben durch die Luftangriffe der Anti-ISIS-Koalition und erst recht durch die Russlands. Auch der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz, beide von Anfang an Unterstützer des Assad-Regimes, töteten in unserem Land.

Inzwischen sind fünf Jahre vergangen und es scheint, alle wollten alle verheimlichen, dass es in Syrien einen Aufstand gab und noch immer gibt. Von außen betrachtet ist Syrien ins Schwarz des Dschihadismus eingefärbt, was sich der gängigen Vorstellung von Extremismus im syrischen Bürgerkrieg deckt.

Doch auch wenn es von außen so scheinen mag, auch wenn wir SyrerInnen viele Enttäuschungen erleben mussten, aufgegeben haben wir nicht. Die syrische Gesellschaft besteht nicht nur aus Opfern, nicht nur aus der zweifellos immensen Zahl der Getöteten, Gefangenen, Geflüchteten oder der auf der Flucht Ertrunkenen. Die syrische Gesellschaft lebt weiter – und sie hat die gleichen Forderungen wie 2011.

Diese syrische Gesellschaft besteht aus Ärzten in Untergrundkrankenhäusern, die Menschenleben retten, sie besteht aus zivilen Ersthelfern, die unter Einsatz ihres Lebens nach Bombenangriffen Opfer aus den Trümmern ziehen, und sie besteht aus Reportern und Bürgerjournalisten, die alles tun, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Diese syrische Zivilgesellschaft ist überall dort, wo unter Belagerung und Bombardierung das letzte Essen geteilt wird oder wo ehrenamtliche LehrerInnen den Kindern Wissen vermitteln, selbst wenn die Lebensmittel knapp sind. Auch die Geflüchteten sind die syrische Zivilgesellschaft, wenn sie den Glauben an den friedlichen Widerstand gegen die Gewalt in ihrem Land nicht aufgegeben haben.

Kafranbel, 04. März 2016

Kafranbel, 04. März 2016

Seit dem Beginn der Waffenruhe vor zwei Wochen brachen überall zwischen den Trümmern der syrischen Städte die Demonstrationen hervor. Vielerorts hörten die Luftangriffe auf und selbst wenn das Regime die Feuerpause an verschiedenen Stellen brach, konnte es die Menschen nicht davon abhalten, wieder für Würde und Freiheit auf die Straße zu gehen. In ganz Syrien war an den letzten beiden Freitagen die Fahne der Revolution zu sehen; die Fahne des Regimes und die schwarze Flagge der Dschihadisten waren verschwunden.

Das Schwarz, mit dem das Regime und die Dschihadisten Syrien einfärben wollten, wurde an diesen beiden Tagen durch hunderte friedliche Demonstrationen überdeckt. Die syrische Revolution lebt weiter, all der Unterdrückung zum Trotz. Wenn jemand die friedlichen Forderungen nach Freiheit und Würde noch immer nicht sehen kann, dann nur deswegen, weil er sie nicht sehen will.

Seit Ende 2011 unterstützt Adopt a Revolution die Arbeit der jungen syrischen Zivilgesellschaft und arbeitet landesweit mit über 40 zivilen Gruppen zusammen. Diese streiten auch nach fünf Jahren der Gewalt und Unterdrückung weiter auf lokaler Ebene für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Helfen Sie mit, unterstützen Sie die syrische Zivilgesellschaft mit Ihrer Spende!

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Die Aktivistin Ameenah Sawwan stammt aus Moadamieh, wo sie seit 2011 gegen die Assad-Diktatur protestierte. Der Vorort von Damaskus wird mittlerweile seit über drei Jahren belagert und war im August 2013 Ziel des Giftgaseinsatzes.