»Wir müssen auch hier auf die Straße gehen«

Hunderttausende SyrerInnen sind inzwischen in Deutschland. Viele von ihnen waren in Syrien politisch aktiv – aber wie können sie ihrem politischen Engagement hier in Deutschland nachgehen?Vier Fragen an Mohammed Abu Hajar, syrischer Aktivist und Rapper.

+++ Dieser Artikel stammt aus unserer neuen Zeitung +++

Du hast in den letzten Monaten zahlreiche Demonstrationen in Berlin mitorganisiert. Bringt das denn etwas in Deutschland?

Wenn ich die Bilder aus Aleppo und aus anderen Teilen Syriens sehe, dann denke ich, wir demonstrieren noch viel zu selten. Syrien braucht endlich eine politische Lösung und Deutschland muss eine viel aktivere Rolle dabei spielen. Wir sind hier im wichtigsten Staat der EU, weltweit hat Deutschland großes politisches Gewicht. Deshalb versuchen wir mit unseren Demonstrationen Druck zu machen, damit sich die Politik hierzulande viel intensiver für eine Lösung in Syrien einsetzt. Gleichzeitig wollen wir mit den Protesten aber auch daran erinnern, dass Syrien viel mehr ist als Assad, Dschihadisten und Krieg. Freiheit, Demokratie und Würde – das sind die Werte, für die wir in Syrien auf die Straße gegangen sind. Sie müssen die Säulen für ein zukünftiges Syrien sein. Dafür demonstrieren wir alle gemeinsam, ob Syrer oder Deutsche.

Aber hat das wirklich einen Einfluss auf die Situation in Syrien?

Der Krieg endet natürlich nicht, nur weil wir hier demonstrieren. Aber hier wie in Syrien sollte die Zivilgesellschaft alles tun, was in ihrer Macht steht, damit das Sterben endlich aufhört. Genauso wichtig ist es mir, den Menschen, die noch immer in Syrien sind, ein Zeichen der Solidarität zu senden. Viele Menschen in Aleppo und anderen Städten fühlen sich von der Weltgemeinschaft verraten und alleingelassen. Für diese Menschen im Land ist es unglaublich wichtig, dass wir ihnen mit den Protesten zeigen: Wir sind hier, wir sehen euch und sind solidarisch mit euch. Das ist das Mindeste, was wir tun können.

Von syrischen AktivistInnen organisierter Protest in Berlin. Foto: jib-collective

Von syrischen AktivistInnen organisierter Protest in Berlin. Foto: jib-collective

Allzu viele Deutsche waren bislang nicht bei den Protesten. Warum?

Das stimmt, aber es werden immer mehr. Fast alle Menschen in Deutschland sind erschüttert angesichts der Gewalt in Syrien, aber viele sehen unsere Proteste mit Skepsis. Teilweise sind wir dafür verantwortlich, weil unsere Slogans am Anfang nur auf arabisch gerufen wurden. Aber wir lernen dazu und setzen mehr auf deutsche Transparente und deutsche Sprechchöre. Letztlich soll der Protest eine Form haben, die Menschen aus Deutschland und Syrien verstehen – es muss ja darum gehen, die Kämpfe hierzulande mit denen in Syrien zu verbinden. Aber nicht nur wir, sondern auch viele Deutsche müssen umdenken und uns nicht nur als Flüchtlinge ansehen, sondern als Aktivisten und politische Subjekte ernst nehmen.

Wie ist die Resonanz der syrischen Community auf Eure Proteste?

Viele der AktivistInnen, die es nach Europa geschafft haben, leiden hier an einer Art politischen Depression. Auch wir, die die Proteste organisieren, sind oft deprimiert. Aber es sind gerade die gemeinsamen Proteste, die uns aus dieser Lethargie reißen und uns wieder Kraft geben. Solidarität ist das Gegengift gegen Ohnmacht.

Mit Protesten in Deutschland ist es nicht getan. Noch immer harren mutige AktivistInnen in Syrien aus und versuchen inmitten des Krieges einen Unterschied zu machen. Für universelle Werte und gegen Diktatur und religiösen Fanatismus. Können auch Sie einen Beitrag leisten?

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