Warum ich nicht gegangen bin

Warum hat sich ein 27-Jähriger entschieden, im Kreuzfeuer zwischen Assad-Regime und dem „Islamischen Staat“ zu leben?

+++ Dieser Artikel stammt aus unserer neuen Zeitung +++

Mein Name ist Abdallah al-Khateeb. Ich bin ein palästinensisch-syrischer Aktivist, vor 27 Jahren geboren in einem Camp für palästinensische Flüchtlinge am Rande von Damaskus. Ich habe Soziologie studiert. Aber einen Universitätsabschluss habe ich nie gemacht. Nicht, weil ich faul oder schlecht gewesen wäre, sondern weil der Krieg den Lauf unserer Leben veränderte.

2011 war ich einer von Millionen Syrern, die sich weigerten, ihr Leben unter dieser 40 Jahre alten Diktatur fortzuführen. Wir gingen auf die Straßen, um gewaltfreien zivilen Ungehorsam zu leisten. Deshalb bin ich heute Bomben und Belagerung ausgesetzt. Wie Millionen weitere Syrer im ganzen Land, die in Gebieten außerhalb der Kontrolle der syrischen Regierung leben. Wir werden für unsere einfachsten Forderungen bestraft: Gerechtigkeit, Würde und Freiheit.

Ich hätte die Möglichkeit gehabt, zu gehen. Warum habe ich mich entschieden zu bleiben? Ich frage mich ständig warum ich tue, was ich tue. Vielleicht fragen Sie sich das auch. Ich denke, dass es etwas gibt, das Menschen in entscheidenden Momenten der Geschichte antreibt. Das hat nichts mit Heldentum zu tun.

Fruchtbarer Boden inmitten der Zerstörung
Unter Belagerung zu leben heißt nicht nur, der Grausamkeit des Hungers ausgesetzt zu sein. Es geht auch um den Verlust der Hoffnung. Ich erinnere mich an einen frühen Morgen während der härtesten Phase der Belagerung. Ich ging durch die Straßen des Camps und traf einen Jungen, vielleicht neun Jahre alt. Er kniete auf dem Boden und suchte etwas. Als ich mich näherte, schloss er fest seine Hand. »Was versteckst du?«, fragte ich ihn. Statt zu antworten, öffnete er seine Faust. Er hatte acht Körner Reis versteckt. Acht kleine Körner Reis. Das war alles, was er hatte zusammentragen können. Dieser Junge sammelte für seine tägliche Mahlzeit.

200 Zivilisten starben 2014 allein in meinem Viertel, Yarmouk, durch Unterernährung oder den Mangel an medizinischer Versorgung. Nicht, weil es in Syrien zu wenig Nahrung oder zu wenig Ärzte gäbe, sondern weil es unsere Regierung so will. Eine Million Menschen werden in Syrien systematisch ausgehungert. »Kniet nieder oder hungert!«, das ist die Parole des Regimes.

BewohnerInnen von Yarmouk stehen im Februar 2014 für Hilfsgüter des Roten Halbmonds an

BewohnerInnen von Yarmouk stehen im Februar 2014 für Hilfsgüter des Roten Halbmonds an

Bis eine Mörsergranate unser Haus traf hatte ich auf dem Dach Zierpflanzen gezogen. Aber vom Gemüsebau hatte ich keine Ahnung. Dann sagte mein Freund Firas: »Ich fange mit einem Gartenbauprojekt hier im Camp an.« Dank vieler helfender Hände schafften wir es, ein vermülltes Sportstadion zu säubern und den Boden umzugraben. Vor allem mit der Bewässerung hatten wir große Probleme. Aber der Moment, in dem die erste Saat aufging, war wie wenn ein Vater das erste Mal sein Neugeborenes sieht. Wir tanzten zu den Liedern der Revolution. Inmitten von Schutt und Zerstörung hatten wir fruchtbaren Boden geschaffen. Das Wachstum der Pflanzen, das Lachen der Kinder in der improvisierten Schule, der Erfolg der Teilnehmer unserer Kurse am Watad-Training-Center, wo wir zivilgesellschaftliche Aktivisten ausbilden – das alles gibt mir Kraft. Oder ein Abend mit den Freunden, die mir geblieben sind.

Dann wurde auch Jamal al-Khateeb festgenommen. Mein Vater
Firas, mein Freund, der das Gartenprojekt ins Leben rief, wurde von Kämpfern der al-Nusra-Front ermordet. Ahmad Kusa, Munir al Khateeb, Firas al-Naji, Khaled Bakrawi, Bassam Hamidi, Ahmad al-Sahli, Hassan Hassan, Jamal Khalifa, sie alle wurden getötet. Andere Freunde verlor ich, als sie inhaftiert wurden. Samir Abdal Fatah, Yezen Arisha und viele andere. Dann wurde Jamal al-Khateeb vom Regime festgenommen. Mein Vater. 200.000 Menschen wurden in syrische Gefängnisse gesperrt, fast eine halbe Millionen Menschen wurde getötet, zwölf Millionen Menschen aus ihren Häusern vertrieben.

Was uns in diesem unvorstellbaren Horror aushalten lässt, ist nur eine einzige Idee: Dass eines Tages Gerechtigkeit hergestellt wird. Das Geringste was wir fordern ist, dass die Verantwortlichen für all ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Nur welche Art der Gerechtigkeit kann es geben, solange die Mörder frei sind und weiter morden? Welche Art des Friedens soll entstehen, wenn die Kampfflugzeuge noch über uns sind? Wie soll ein friedliches Zusammenleben funktionieren, solange Assad an der Macht ist? Nichtsdestotrotz gibt es noch eine direktere Form der Gerechtigkeit. Und auf diese können wir jetzt schon hinarbeiten. Unser Watad- Center ist ein Teil davon. Wir wollen die Menschen mit unseren Kursen befähigen, miteinander umzugehen, voneinander zu lernen, die Angelegenheiten in unserer Gegend friedlich zu regeln.

Das ist auch eine Botschaft an das syrische Regime und die ganze Welt: Wir streben nicht danach, Tod zu schaffen. Wir streben danach, eine Kultur des Lebens zu befestigen. Wir haben mit unserem Center dazu beigetragen, dass es in Süd-Damaskus ein Bewusstsein für Dialog gibt, dass der Widerstand durch Landwirtschaft in andere Gegenden weitergetragen wurde. Wir haben Kurzfilme gedreht und andere inspiriert, selbst Filme zu drehen. Wir haben fotografiert, um Zeugnis abzulegen über Bombardierung und Belagerung. Wenn dies alles verschwindet, wenn wir aufgeben, dann wäre die einzige verbliebene Autorität die Waffe.

Ich wurde Menschenrechtsaktivist, weil ich gesehen habe, wie friedliche Demonstranten von der syrischen Regierung ermordet wurden. Vor meinen Augen. Die Frage, die wir uns heute wirklich stellen müssen, ist die: Wie kann man angesichts dieser Ungerechtigkeit nicht Aktivist werden?

Das Watad-Center wird seit Anfang 2014 von Adopt a Revolution unterstützt. Mit Abdallah verbindet uns eine langjährige Partnerschaft. Stärken auch Sie seine Arbeit!

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