"Viele haben nur noch eine Mahlzeit am Tag - und bald kommt der Winter"

In Ost-Ghouta, einem Vorortgürtel von Damaskus, leben noch immer bis zu 400.000 Menschen unter Belagerung. Nun neigen sich die Lebensmittelvorräte gen Ende und der Winter steht vor der Tür. Zivile Aktivisten vor Ort berichten.

Ein Kind schreit. Es ist abgemagert. Die Rippen zeichnen sich deutlich ab, Arme und Beine sind dürr und zerbrechlich. Dieses Bild erschien am Montag in der Presse und wirft ein Schlaglicht auf die katastrophale Versorgungslage in Ost-Ghouta. Das Kind, nur 34 Tage alt, stirbt.

Obwohl die Region zu den von Russland, der Türkei und dem Iran verhandelten Deeskalationszonen gehört, haben kaum Hilfsgüter die seit mehr als vier Jahre belagerten Orte erreicht. Dabei gehört das zum Abkommen. Das Assad-Regime blockiert den Zugang. Und selbst wenn ein Konvoi durchkommt, so darf er nur ausgewählt Orte ansteuern, nicht jene, in denen die Not am größten ist. Essentielle Hilfgüter werden zuvor von der syrischen Armee entfernt – darunter Medikamente. Hungerblockaden sind eine seit Jahren angewendete Kriegsstrategie in Syrien und wurden vom Assad-Regime genutzt, um die Bevölkerung in Orten wie Darayya, Madaya, Yarmouk oder Aleppo zu brechen.

Die Preise für Lebensmittel sind in Ost-Ghouta erheblich gestiegen. Ein Kilogramm Reis kostet heute dreieinhalb mal so viel wie noch Ende Februar. Der Preis für Linsen hat sich verdoppelt, der für Bulgur vervierfacht, jener für Zucker verfünffacht. Und all diese Preise unterlagen schon im Februar einer deutlichen Steigerung gegenüber 2011. Derweil hat der Krieg vielen Menschen in der sowieso armen Region ihre Existenzgrundlage geraubt.

Zwei Aktivisten aus Ghouta berichten, wie sich die Belagerung verschärft.

Huda, Aktivistin des Frauenzentrums in Douma:

„Der Checkpoint, durch den das Regime in den vergangenen Monaten noch zu extrem überhöhten Preisen Lebensmittel gelassen hat, ist nun geschlossen. Humanitäre Hilflieferungen sind gar nicht gekommen. Einige Sachen findet man schon nicht mehr oder nur noch selten in den Geschäften – Öl, Eier und Käse zum Beispiel. Zucker, Reis und Mehl sind nur noch begrenzt vorhanden und sehr teuer, weil nur das verkauft werden kann, was noch in den Lagern vorhanden ist. Gerade gibt es noch Gemüse, das lokal angebaut wurde – aber auch damit ist bald Schluss, denn spätestens in einem Monat wird es Winter.

Die meisten Familien, die nicht viel Geld haben, leben momentan von Brot. Die lokalen Räte und NGOs versuchen die Brotproduktion zu subventionieren, deswegen können sich das viele noch leisten. Zwei bis drei Stunden muss man trotzdem anstehen. Für viele ist das dann auch die einzige Mahlzeit am Tag: Morgens etwas Brot.

Noch abscheulicher als die Lebensmittelsituation ist die Versorgungslage mit Medikamenten – es gibt dutzende Fälle, die in den kommenden Wochen sterben werden, einfach, weil dringend benötigte Medikamente nicht durch den Belagerungsring gelassen werden – und die Kranken nicht heraus.

In unser Frauenzentrum kommen momentan täglich dutzende Frauen, die nach Arbeit oder finanzieller Unterstützung fragen. Manche brauchen dringend medizinische Unterstützung. Leider können wir ihnen nicht helfen, das ist sehr schmerzhaft. Auch ansonsten gibt es kaum Unterstützung für sie.

Die Bilder der verhungerten Kinder, die sich in den letzten Tagen verbreitet haben, zeigen einen Zustand, der sich in den vergangenen Wochen definitiv verschärft hat. Schon die Schwangeren haben oft nicht genug zu Essen – kein Fleisch, keine Eier, keine Milch. Die Kinder von Müttern, die mangelernährt sind, kommen dann schon mit gesundheitlichen Problemen auf die Welt. In den Schulen sehen wir immer mehr unterernährte Kinder und auch in die Krankenhäuser wurden in den letzten Wochen mehr solcher Fälle eingeliefert.“

Sana, Lehrerin aus Douma:

„Es gibt nur noch das, was bereits in Ost-Ghouta war, bevor die Belagerung wieder komplett geschlossen wurde. Nichts kommt mehr rein. Für Brot stehen momentan täglich um die 150 Menschen in der Schlange, wenn ich welches holen gehe. Kartoffeln und Obst gibt es seit Monaten gar nicht zu kaufen. Ansonsten werden die Vorräte aufgebraucht und Grundnahrungsmittel sind aufgrund ihrer Knappheit sehr teuer.

Die meisten Familien können sich deswegen nur noch eine Mahlzeit am Tag leisten – und die ist meistens nicht sättigend: Meine Schwester hat vier Kinder, sie essen einmal am Tag. Für mehr reicht es nicht. Zwei Personen teilen sich bei ihnen einen Fladen Brot und oft gibt es einfach nur Suppe, aber die wird ohne Butter oder Öl zubereitet, also Linsen mit Wasser. Das macht nicht satt. Die Kinder sind ständig krank und weinen viel, weil sie eigentlich permanent Hunger haben. Es gibt Mütter, die setzen ihre Kinder aus Verzweiflung im Müll ab, damit die sich da irgendwas zu Essen suchen. Die Belagerung war noch nie so extrem, meist gab es die wichtigsten Produkte noch. Jetzt gibt es die grundlegenden Lebensmittel nicht mehr. Und wir haben Angst vor dem Winter, dann brauchen wir alle Brennstoffe und es gibt sehr viele, die sich das nicht leisten können.“

Adopt a Revolution unterstützt zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen in Ost-Ghouta, die sich gegen die erdrückenden Verhältnisse zu stemmen versuchen. Unterstützten Sie ihre unverzichtbare Arbeit!

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