»Viele sehen die Zukunft von Rojava skeptisch«

Baran* ist gerade von einer längeren Reise durch Rojava, den mehrheitlich kurdischen Teil Nordsyriens, zurückgekehrt. Als langjähriger Freund von Adopt a Revolution schildert er hier seine Eindrücke von der Rückkehr in seine Heimatstädte und seine Einschätzungen zur aktuellen Situation in der selbstverwalteten Region.

 

Was war dein allgemeiner Eindruck von der Situation in Rojava?

Generell war die Lage besser als ich erwartet hatte. Es gibt natürlich die grundlegenden Probleme im Alltag, mit der Elektrizität etwa und der Grundversorgung. Aber es ist sicher. Die kurdischen Polizeikräfte der Asayish waren überall. Grundsätzlich habe ich an vielen Ecken positive Entwicklungen festgestellt.

Nichtsdestotrotz blicken die Menschen mit denen ich gesprochen habe skeptisch in die Zukunft, insbesondere in politischer Hinsicht. Die Leute sind sich bewusst, dass es viele Gefahren gibt und sie misstrauen den in den Konflikt involvierten Mächten – ob nun den USA, Russland, dem Iran oder dem Assad-Regime. Und allen voran natürlich der Türkei. Wenn sich die USA aus Nordsyrien zurückziehen oder wenn sie Ankara grünes Licht geben, dann wird die Türkei keine Gelegenheit auslassen, um anzugreifen.

Viele misstrauen den USA, weil sie wissen, dass es Washington nur um den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ geht. Und niemand weiß, was passieren wird, sobald ISIS besiegt, beziehungsweise weitgehend zurückgedrängt ist.

Wie steht es um die Situation an den Grenzen? Die Kurdenregion war längere Zeit abgeriegelt.

Die türkische Grenze ist noch immer dicht, und wer versucht die Grenze zu überwinden um etwas zu schmuggeln, wird erschossen. Alle zwei, drei Tage tötet die türkische Armee jemanden an der Grenze. Die Grenze zu Irakisch-Kurdistan ist jedoch mittlerweile wieder für viele Güter geöffnet.

Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen der dominanten syrisch-kurdischen Partei PYD und ihrem irakischen Gegenstück, der PDK?

Politisch ist die Lage noch immer angespannt. Beide Seiten fahren in ihren Medien Propagandakampagnen gegeneinander, und beschimpfen sich gegenseitig als Verräter. Wirtschaftlich normalisiert es sich aber.

Ein Konflikt der auch mit dem jeweiligen Verhältnis zur Türkei zu tun hat. Noch immer drohen türkische Medien und Politiker täglich der kurdischen Selbstverwaltung in Nordsyrien. Und es gibt akute Befürchtungen, dass die Türkei in das nordwestliche Kanton Afrin einmarschieren könnte.

Die Amerikaner scheinen sich nur für das Gebiet östlich des Euphrats wirklich aus strategischen Gründen zu interessieren. Russland wiederum würde mit einem Einmarsch der Türkei in Afrin gut leben können, solange sie aus Ankara eine entsprechende Gegenleistung erhalten. Und so gibt es natürlich – gerade in Afrin – große Angst. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) sagen, dass sie kämpfen und das nicht geschehen lassen werden, doch wer weiß, wie sich die Dinge entwickeln.

Die Türkei benutzt arabische Rebellengruppen für ihre militärischen Aktionen in der Region. Wie beeinflusst das die kurdisch-arabischen Beziehungen?

Es gibt auch eine große ideologische Schnittmenge zwischen den Rebellengruppen und der Türkei. Letztere hat aber das militärische Sagen und so hat Ankara die syrischen Milizen nicht nur dazu gebracht YPG und PYD zu bekämpfen, sondern sogar dafür gesorgt, dass sie dafür den Kampf gegen das Assad-Regime hintanstellen.

Wie beeinflusst das die Beziehungen auf gesellschaftlicher Ebene? Es gab immer Probleme, man erinnere nur den Qamishli-Aufstand von 2004, in dessen Rahmen das Assad-Regime örtliche arabische Clans bewaffnete, um den mehrheitlich kurdischen Aufstand niederzuschlagen. Wie ist es heute?

Natürlich betrifft es die normalen Beziehungen zwischen normalen Menschen. Gerade in Afrin ist die Bevölkerung sehr gemischt, die Menschen kennen einander. Und nun sind viele der Kurden auf Seiten der Selbstverwaltung und viele Araber auf Seiten der Rebellengruppen. Letztere glauben zunehmend der türkischen Propaganda. Der Hass zwischen den Gruppen wächst so mehr und mehr.

Glaubst du, dass das etwas ist, das sich wieder zurückdrängen lässt?

Die arabische Opposition muss sich von Ankara emanzipieren – das wäre ungemein wichtig. Und es braucht zivile Projekte, die wieder Brücken zwischen den unterschiedlichen Gruppen bauen. Das ist momentan schwierig, denn die Hasspropaganda ist stärker als die Rufe nach friedlichem Zusammenleben.

Du warst lange Mitglied einer kurdischen Oppositionspartei, die der PYD sehr kritisch gegenübersteht. Wie hat sich die politische Lage unter der Selbstverwaltung gewandelt?

2011 und 2012 hatten politische Parteien eine wichtige Rolle inne – heute sind ihre Möglichkeiten extrem limitiert. Ein Grund ist, dass die PYD erheblichen Druck auf andere Parteien ausgeübt hat. Ein anderer ist, dass PYD und PKK einfach erfahrener waren und direkt nach dem Aufstand viel effizienter agieren konnten. Heute spielen Parteien abseits der PYD keine nennenswerte Rolle mehr und die Unterstützung die die PYD aus der Bevölkerung erhält wächst, weil sie die Grundversorgung aufrechterhalten und ISIS bekämpfen. Zugleich erhalten sie den Druck auf andere Parteien aufrecht.

Die westliche Linke spricht im Hinblick auf Rojava viel über Rätedemokratie. Funktioniert die?

Sie funktioniert auf der lokalen sowie auf der Verwaltungsebene. Da sind diese Räte effizient und es gibt sie überall und in jeder Nachbarschaft. Ihre Rolle beschränkt sich aber weitgehend auf Fragen der Versorgung und Verwaltung; neue Straßen, Probleme mit der Strom- oder Wasserversorgung. Aber politische Fragen werden von den Militärs und den Politikern auf höchster Ebene entschieden, dort haben die Räte nichts zu sagen.

Und zivilgesellschaftliche Initiativen?

Selbst kleine Projekte brauchen in Rojava eine Genehmigung von oben. Viele der selbstständigen Projekte stehen politisch unter Druck. Hinzukommt, dasss inzwischen das viele Geld der westlichen NGOs, welches mittlerweile in den kurdischen Gebieten ankommt, die Leute oftmals korrumpiert hat. Der Antrieb vieler zivilgesellschaftlichen Akteure ist nicht mehr der Wille zur Veränderung sondern nur die hohen Gehälter die die ausländischen Organisationen zahlen. Natürlich gibt es auch hier positive Ausnahmen.

Viel ist über die Emanzipation der Frau in der Region geschrieben worden. Was war dein Eindruck?

Man sieht den Wandel im Alltag deutlich. Immer mehr Frauen arbeiten in immer mehr Sektoren. Auch in Bereichen in denen man sie vorher nicht fand. Ebenso in höheren Positionen. In allen Verwaltungsbereichen gibt es in der Regel zwei Vorsitzende: Eine Frau und einen Mann. Die Akzeptanz für diese Gleichberechtigung steigt.

 

*Name geändert