Die Twitter-Kampagne #SaveKessab sorgt derzeit für rege Diskussionen im Internet. Dieses Hashtag wurde in den vergangenen Tagen vielfach gepostet, um auf die Lage in der kürzlich von syrischen Oppositionellen eroberten Kleinstadt Kasab aufmerksam zu machen. Der nahe der türkischen Grenze im östlichen Gouvernement Lattakia gelegene Ort soll angeblich Schauplatz eines Massenmordes an der dort lebenden armenischen Mehrheitsbevölkerung gewesen sein. Laut den UnterstützerInnen von #SaveKessab seien für das Massaker, wie in einem Artikel von International Policy Digest dargestellt, radikalislamistische Rebellen verantwortlich. Diese hätten nach der Eroberung der Stadt am 21. März 2014 bis zu 80 armenische BewohnerInnen hingerichtet und deren Kirchen verwüstet, was auch von einigen Medien aufgegriffen und verbreitet wurde (z.B. von Asbarez.com). Zudem sei der Angriff mithilfe der türkischen Regierung erfolgt – angesichts des Genozids an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren keineswegs eine unbedeutende Randnotiz.

Unterstützt wurde die Kampagne unter anderem von der US-amerikanischen, armenischstämmigen Prominenten Kim Kardashian und dem armenischen Fußballstar Henrikh Mkhitaryan. Von Morden durch Al-Qaida-Mitglieder spricht zudem auch der Zentralrat der Armenier in Deutschland, welcher gleichzeitig die angebliche türkische Unterstützung für die Islamisten verurteilt und in diesem Zusammenhang Parallelen zum Völkermord an den Armeniern 1915 zieht. Außerdem, so Vicken Cheterian in einem Artikel für „openDemocracy“,  scheinen sich regimenahe syrische Medien an der Verbreitung dieser Nachrichten zu beteiligen, während syrische Rebellengruppen wiederum versuchen, die Vorwürfe zu entkräften. Aus diesem Grund spricht der Autor hier von einem regelrechten „Propagandakrieg“.

Allerdings existiert derzeit hinsichtlich des Themas Kasab keine eindeutige Faktenlage. Im Gegenteil: Die armenische Online-Plattform Media.am geht sogar davon aus, dass #SaveKessab zur Verbreitung von Falschmeldungen beigetragen hat. So kritisiert Gegham Vardanyan in seinem Artikel die UnterstützerInnen der Kampagne dafür, dass sie häufig auf falsche Beweisfotos bzw. –videos zurückgreifen würden. Demnach hätten die an das Hashtag angefügten Bilder und Filme, die unter anderem Hinrichtungen und Leichen zeigen, gar nichts mit Kasab zu tun. Vielmehr stammten sie von völlig anderen Ereignissen und Städten oder seien gar aus Horror-Filmen entnommen worden. Dieser Missbrauch von Medienmaterial wird auch im Online-Blog „The Assad Debunkation“ ausführlich dokumentiert. So seien Bilder und Videos von ISIS- wie Regime-Verbrechen andernorts oftmals in Collagenform an das Hashtag #SaveKessab angefügt. (Aufgrund des extrem drastischen Bildmaterials auf „The Assad Debunkation“ verzichten wir an dieser Stelle jedoch auf eine direkte Verlinkung.)

Derweil wird die Behauptung des Massenmordes an den syrischen Armeniern auch von offizieller Seite nicht bestätigt. So sagte der Bürgermeister von Kasab, Vazgen Chaparian, persönlich gegenüber ARMENPRESS, dass die wenigen BewohnerInnen, die sich noch in Kasab befänden, weder inhaftiert noch verletzt oder getötet worden seien. Zudem hielten sich die meisten EinwohnerInnen bereits im Umland auf – ein Großteil davon in der Stadt Lattakia. Diese hofften allerdings, so Chaparian, auf eine baldige Rückkehr nach Kasab, da die Truppen Baschar al-Assads bereits im Begriff seien, die Stadt zurückzuerobern. Des Weiteren konnte auch eine Delegation armenischer ParlamentarierInnen, welche Ende März 2014 in Syrien zu Gast war, um sich ein Bild von der Lage der syrischen ArmenierInnen zu machen, die angeblichen Hinrichtungen nicht bestätigen. Wie aus einem Artikel von Artsakank hervorgeht, trafen sich die Abgeordneten im Rahmen ihrer Reise mit einigen Kasab-Flüchtlingen in Lattakia. Von möglichen Todesopfern war dabei aber keine Rede.

Die Twitter-Kampagne #SaveKessab wirft also viele Fragen auf. Unklar ist beispielsweise, wer die tatsächlichen Urheber dieser Aktion sind. Dem muss allerdings hinzugefügt werden, dass es im Interesse Baschar al-Assads ist, Berichte über Gräueltaten der syrischen Opposition – v.a. gegenüber religiösen oder ethnischen Minderheiten – zu forcieren. Völlig unabhängig davon, was von den Behauptungen tatsächlich stimmt oder nicht – die unklare Faktenlage lässt eine eindeutige Positionierung zu diesem Thema nicht zu. Insofern kann die rasche Verbreitung des Hashtags in den sozialen Netzwerken auch auf die mangelnde Bereitschaft der Internetnutzer zurückgeführt werden, Meldungen zu verifizieren, bevor sie schließlich geteilt werden. Leider gilt dies in Teilen auch für professionelle Medienanstalten.

Vicken Cheterian schließt seinen opendemocracy-Beitrag zu Kasab wie folgt: „In no way should the first genocide of the 20th century be put in the service of a regime massacring its people and a ruler destroying his country to preserve their political monopoly.“


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