Auf der Suche nach den Verschwundenen - trotz Bombenhagel und Belagerung

Mehr als hunderttausend Menschen werden in syrischen Gefängnissen festgehalten, Zehntausende gelten gar als „verschwunden“. Eine von Adopt a Revolution unterstützte Menschenrechtsorganisation versucht, ihren Verbleib aufzuklären.

Tag für Tag fallen Assads Bomben auf Ost-Ghouta, verwüsten die Städte und töten Zivilisten. Seit November haben keine Hilfsgüter mehr das belagerte Gebiet bei Damaskus erreicht, viele Kinder leiden an Mangelernährung. Und dann sind da noch die lokalen islamistischen Milizen, die nicht minder repressiv mit der Bevölkerung umspringen als es das Regime einst tat. Inmitten dieses Umfelds arbeitet Yamen daran, dass ein anderes drängendes Problem nicht in Vergessenheit gerät: Das Schicksal der Gefangenen und Verschwundenen.

Mehr als einhunderttausend sollen es Menschenrechtsorganisationen zufolge sein, die meisten in den Fängen Assads. Doch anders als bei jenen, die im Bombenhagel sterben, findet ihr Leid im Verborgenen statt, in finsteren Folterkerkern. Zigtausende sollen dort schon umgekommen sein. Durch Folter, Exekutionen oder die unmenschlichen Haftbedingungen. Yamen dokumentiert Gefangene und Verschwundene für die Organisation Human Rights Guardians. Sie legen Akten zu den einzelnen Fällen an und schicken diese an die Vereinten Nationen, mit denen sie kooperieren. In der Hoffnung, dass es der UN gelingt, die Gefangenen freizukriegen oder den Angehörigen zumindest Gewissheit über den Verbleib der Verschwundenen zu geben.

Schon seit Jahren ist das Assad-Regime nicht mehr in Ost-Ghouta präsent. Und doch wirkt der Terror der willkürlichen Verhaftungen für viele Familien fort.

Gefälschte Sterbeurkunden verschleiern die Zahl der Verschleppten
In vielen Fällen ist noch nicht einmal klar, in wessen Hand sich ein Verschwundener befindet. Und selbst wenn zumindest das bekannt ist, ist unklar, ob die Person noch am Leben ist. „Manchmal stellt das Regime Sterbeurkunden für Gefangene aus, behauptet sie seien in Haft gestorben und schickt diese Urkunden den Familien“, berichtet Yamen. „Später finden wir dann heraus, dass sie doch noch leben und dass das Regime nur die reale Zahl seiner Gefangenen zu vertuschen versuchte.“

In anderen Fällen haben die Sicherheitsdienste die Familien jahrelang im Unklaren über den Verbleib der Gefangenen gelassen. Der Name des bekannten syrisch-palästinensischen Netzaktivisten Bassel Khartabil etwa verschwand 2015 plötzlich aus dem Häftlingsregister, seitdem war nichts mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Erst nach zwei Jahren grausamer Ungewissheit erhielt seine Ehefrau Noura Klarheit: Er war exekutiert worden. Beileibe kein Einzelfall. Und nicht selten bereichern sich Beamte des Regimes gar an der Verzweiflung der Angehörigen und verlangen Schmiergelder für Auskünfte.

Yamen ist Aktivist der ersten Stunde. Mit anderen gründeten er den oppositionellen lokalen Rat seiner Heimatstadt, der ihre Verwaltung nach dem Rückzug des Assad-Regimes übernahm. Immer wieder kamen Angehörige von Gefangenen zu ihnen, baten um Hilfe bei der Suche nach ihren Geliebten. Helfen konnten sie ihnen kaum, dazu fehlten die Ressourcen. Dann wandte sich die 2014 von syrischen Anwälten im türkischen Gaziantep ins Leben gerufene Organisation Human Rights Guardians an ihn. Seitdem recherchiert er für sie vor Ort in Ost-Ghouta, sucht die Familien und Zeugen auf und erstellt mit ihnen zusammen die Akten für die UN.

Recherche – ein harter Job
„Wir fragen die Familien stets, ob sie weitere Verwandte in den Gebieten des Regimes haben. Denn manchmal drangsaliert oder verhaftet das Regime die Familien von Gefangenen, wenn diese es wagen, das Schicksal ihrer Angehörigen öffentlich zu machen“, erzählt Yamen.

Immer wieder müssen syrische Menschenrechtler die Erfahrung machen, dass ihre Informationen systematisch angezweifelt werden. Der Vorwurf der Propaganda ist allgegenwärtig. Nicht zuletzt die Propagandisten Russlands oder des Assad-Regimes betreiben großen Aufwand, um ihre Gegner zu denunzieren und Zweifel an deren Arbeit zu säen. Dabei machen sich die vielen selbsternannten kritischen Geister, die diese Schmierenkampagnen auch im Westen nachplappern, selten auch nur die leiseste Vorstellung davon, wie akkurat und aufwändig die Arbeit vieler syrischer Organisationen tatsächlich ist.

„Wir versuchen so genau wir nur eben möglich zu arbeiten“, sagt Yamen. „Wir brauchen die Bilder der Verhafteten und weitere Dokumente, die seine Identität bestätigen. Sei es das Familienbuch, Führerschein oder Ausweis. Dann gilt es sicherzustellen, dass sich die Gefangenen wirklich in den Fängen des Assad-Regimes befinden, und nicht von einer anderen Fraktion festgehalten werden.“ Im Falle von Gefangene können das zum Beispiel Besucherkarten aus dem Gefängnis sein. Auch die Angehörigen mit denen er spricht müssen ihre Identität und Verwandtschaft nachweisen. Dann befragen sie noch weitere Zeugen, die womöglich dazu beitragen können, den Vorgang der Verhaftung zu rekonstruieren, etwa anhand des Checkpoints an dem der Verschwundene zuletzt gesehen wurde und der Richtung, die er dort einschlug.

Zuhören heißt Hoffnung geben
Oft weinen die Familien im Gespräch, manchmal entlädt sich auch die angestaute Wut. „Die Familien registrieren den Namen des Gefangenen oft bei vielen Stellen, bewaffneten Fraktionen etwa, sodass diese im Falle von Verhandlungen mit dem Regime unter Umständen einen Gefangenenaustausch arrangieren können“, erklärt Yamen. „Viele sind müde, weil sie schon so vielen die Daten gegeben haben und doch nichts geschieht. Sie sind frustriert und traurig nach Jahren der Suche.“

Manche haben schon alle erdenklichen Polizeistationen, Geheimdienste und Gefängnisse abgeklappert und doch nichts über das Schicksal ihrer Geliebten erfahren, weil das Regime die Festnahme leugnet. „Deshalb ist es auch wichtig, Beweise zu sammeln, dass diese Menschen tatsächlich beim Regime sind. Und nicht zuletzt geben wir den Familien zumindest ein kleines bisschen Hoffnung, dass sich eine internationale Organisation ihres Falls annimmt.“

Warum tut Yamen sich das an, statt sich in Sicherheit zu bringen? „Das oberste Ziel der Revolution war Gerechtigkeit. Und die Angehörigen der Gefangenen leben in einem Zustand größter Ungerechtigkeit. Insofern ist meine Arbeit eine Fortsetzung der Revolution“, sagt er. Und dann, nach einer kurzen Pause: „Wenn wir mit unserer Arbeit nicht weitermachen, dann hat das Regime doch schon wieder einen Sieg davongetragen.“

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