Petra Becker von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) beschäftigt sich in ihrem aktuellen Syrien-Newsletter mit der Rolle der SunnitInnen im syrischen Bürgerkrieg. Ausgangspunkt dieser Sonderausgabe ist das von der Autorin ausgemachte Problem, dass die syrischen (und irakischen) SunnitInnen in internationalen Medien und Syrien selbst häufig „in einem Atemzug mit Dschihadisten genannt oder – wo nicht – zumindest als ein monolithischer Block dargestellt werden.“ Dem versucht die Autorin entgegenzutreten, indem sie die komplexen Verflechtungen sunnitischer AkteurInnen in oppositionellen wie auch regimenahen Kreisen nachzeichnet.

So gebe es zum Beispiel drei Gruppen von Assad-Getreuen: die „Business-Sunniten“, MitarbeiterInnen des Militärs und der Geheimdienste sowie lokale Beduinen-Clans. Bei den sogenannten Business-Sunniten handele es sich um reiche Geschäftsleute, deren Interessen eng mit denen der Regierung verflochten seien. Ihre Unterstützung für Assad sei damit zu erklären, dass sie bei einer vollendeten Revolution nicht nur um ihren Reichtum, sondern auch um ihre gesellschaftliche Stellung zu fürchten hätten. Im Vergleich dazu gestalte es sich bei den Militärs und GeheimdienstlerInnen etwas anders: Sie blieben häufig auf der Seite der Regierung, weil sie entweder deren Vergeltung fürchteten oder aufgrund des engmaschigen Überwachungsnetzes für Bedienstete des Sicherheitssektors schlicht nicht in der Lage seien, sich und ihre Familien außer Landes zu bringen. Unterdessen handele es sich bei den von Assad unterstützten, sunnitischen Beduinen-Clans häufig um solche, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen konfessionellen oder ethnischen Gruppen befänden. Dies mache sie zu wertvollen AkteurInnen, da sie sich im Gegenzug für die Unterstützung des Regimes in lokalen Konflikten mit ebendiesen Gruppen instrumentalisieren ließen.

Doch auch die sunnitische Opposition sei sehr differenziert: So gebe es auf der einen Seite eine Reihe bekannter linker und liberaler Intellektueller, wie beispielsweise Burhan Ghalioun, Basma Kodmani und Riad Seif. Auf der anderen Seite schlössen sich SunnitInnen aber auch immer häufiger islamistischen und dschihadistischen Organisationen an, die mittlerweile die stärkste Strömung innerhalb der Opposition stellten.

Eine ambivalente Haltung zum Regime haben auch die syrischen Drusen. In einem Artikel für den Syrian Observer stellt Yahya Alou fest, dass sich die religiöse Gemeinschaft mittlerweile in drei Gruppen aufgliedere: UnterstützerInnen des Regimes, VertreterInnen eines konfessionalistischen Trends und Oppositionelle. Während Erstgenannte der Grund dafür seien, dass Assad vor einer verstärkten Konfrontation mit den Drusen zurückschrecke, bezeichnet Alou die Oppositionellen als Gruppe mit dem geringsten politischen Einfluss. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er indes dem konfessionalistischen Trend, der sich in bewaffneten Gruppen manifestiere, welche sich in erster Linie auf den Schutz der Drusen-Gebiete konzentrierten. Grund für die Herausbildung einer solchen Strömung sei der immer stärker werdende Druck, dem die Drusen ausgesetzt seien. Auf der einen Seite würden sie zunehmend von dschihadistischen Gruppen wie der Nusra-Front und dem Islamischen Staat bedroht, die auch bereits mehrere Massaker an Drusen verübten. Auf der anderen Seite weigere sich das Assad-Regime immer wieder, die Religionsgemeinschaft vor derartigen Übergriffen zu schützen. Unter dem Strich sei deshalb zu bezweifeln, ob die Drusen ihre öffentlich passive Haltung im syrischen Bürgerkrieg aufrecht erhalten können. (Auch Adopt a Revolution hat sich in einem aktuellen Artikel intensiv mit dem „Dilemma der syrischen Drusen“ beschäftigt.)

Einem völlig anderen aber nicht weniger brisanten Thema widmet sich Syria Deeply in einem Artikel vom 23. Juli: der Frage einer israelischen Unterstützung der syrischen Opposition. Demnach hätten sich einige Regimegegner, darunter auch das prominente SNC-Mitglied Kamal al-Labwani, für eine Kooperation zwischen Rebellengruppen und Israel im Kampf gegen Assad ausgesprochen. Labwani habe Israel im Zuge dessen sogar die Aufgabe der Golanhöhen in Aussicht gestellt, sollte es zu einer Zusammenarbeit kommen. Zudem habe er betont, dass man nicht nur im syrischen Regime, sondern auch in dessen Unterstützern Iran und Hisbollah gemeinsame Feinde habe. Reaktionen syrischer AktivistInnen auf diese Meldungen fielen Syria Deeply zufolge überwiegend negativ aus. Jedoch gab es auch BefürworterInnen von Labwanis Idee. So konstatierte einer von ihnen in Anlehnung an die weit verbreitete ablehnende Haltung gegenüber Israel: „Israel did not kill my family or destroy my home – the brutal Syrian regime did.”

 


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