Das Mandela House: Qamishlis Demokratielabor

Im nordsyrischen Qamishli steht das Mandela House. In Zeiten größter gesellschaftlicher Polarisierung baut man hier Brücken zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen der Region und bündelt die Kraft der zivilgesellschaftlichen Akteure, indem man sie zusammenbringt.

Osama sitzt in einem Büro in Qamishli und malt sich Syriens Zukunft aus. Demokratisch, pluralistisch und laizistisch ist das Land, von dem er träumt. Doch er weiß auch: „Es gibt die Dinge, die man sich wünscht, und jene, die passieren.“ Er seufzt. „Vor vier Jahren hätte ich nie gedacht, dass Syrien diesen katastrophalen Zustand erreichen könnte.“

Und doch arbeitet er weiter, wie so viele im Land. Das Projekt, dessen Leiter er ist, heißt Mandela House, und ist so etwas wie ein Demokratielabor. Ein Ort, an dem AktivistInnen und Initiativen mit den unterschiedlichsten Hintergründen zusammenkommen. Ein Ort des Dialogs, unabhängig von etwaigen Parteien und militärischen Fraktionen. So neutral, wie das nur eben möglich ist. Osama und drei weitere AktivistInnen, die die verschiedenen Bereiche des Hauses leiten, bilden das Kernteam. Dazu kommen dutzende Freiwillige.

Kooperation mit 20 Organisationen
„In einer Region mit so vielen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen wollen wir eine Kultur des Dialogs und der Akzeptanz aktivieren. Damit wir eines Tages einen Zustand erreichen, in dem der Dialog lauter und stärker als die Waffen ist“, erklärt Osama.

Im Herbst 2013 haben er und seine Mitstreiter das Zentrum eröffnet. Damals war es noch ganz klein, aber zumindest etwas eigenes. „Wann immer wir eine Veranstaltung organisieren wollten, haben wir gelitten – also haben wir unsere eigenen Räume aufgebaut“, erzählt er. Heute verfügen sie über 300 Quadratmeter und eine Bibliothek. „So können wir nun auch anderen Organisationen die notwendige Infrastruktur bereitstellen“, sagt er. Mittlerweile hat das Mandela House die meisten der relevanten zivilgesellschaftlichen Organisationen der Region zusammengebracht und leistet so auch wichtige Vernetzungsarbeit zwischen den Gruppen und Gemeinden. Mit 20 zivilgesellschaftlichen Initiativen kooperiert man im Mandela House regelmäßig.

Qamishli hat rund 200.000 EinwohnerInnen und ist die größte Stadt unter kurdischer Kontrolle. Hier herrscht zumindest relative Ruhe für die AktivistInnen. Dennoch gibt es Probleme – alltägliches, wie die mangelhafte Stromversorgung oder das Internet. Kürzlich wurde das Zentrum bei einem heftigen Unwetter überschwemmt. Einen halben Meter hoch stand das Wasser. Und auch hier sind die AktivistInnen Repression ausgesetzt, wenn sie nicht mit den Machthabern konform gehen. Veranstaltungen wurden verhindert. Die Büros einer verbündeten Initiative wurden von Vermummten in Brand gesetzt „Nichtsdestotrotz“, stellt Osama klar, „ hat man hier immer noch mehr Freiheiten als im Rest des Landes.“

Die Menschen sollen sich als Bürger sehen können

Das Mandela House während eines Workshops. Foto: Mandela House

Das Mandela House während eines Workshops. Foto: Mandela House

Wie lassen sich die Verbrechen der Vergangenheit aufarbeiten? Wie kann der Übergang von Diktatur zu Demokratie gelingen? Wie Frauenrechte umgesetzt werden? Das sind nur einige der Themen, die sie umtreiben. Gerade führt man im Mandela House eine Veranstaltungsreihe durch, die die Rolle von Minderheiten, Frauen, Grundrechten und Wirtschaft in der Demokratie beleuchtet. Dafür haben sie eine Umfrage durchgeführt und die Verfassungen dieser Welt besprochen. Am Ende soll auch ein Buch entstehen, das sie in der ganzen Region verbreiten wollen. Außerdem zeigen sie Filme, geben Seminare und Workshops und weiten ihre Aktivitäten in andere Städte aus. Während der Kommunalwahlen organisierte das Mandela House Wahlbeobachter. Für eine Kampagne gegen Gewalt an Frauen zogen sie durch die umliegenden Dörfer.

Was treibt sie an? Nach dem Abschluss seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2002 hatte Osama kaum Perspektiven. Er wollte nicht für das syrische Regime oder die ihm nahestehenden Unternehmen und Organisationen arbeiten. „Das war gegen meine Überzeugungen“, sagt er. Und so vergingen die Jahre. Bis die Revolution kam. „Und damit Dinge, an die ich glaube.“
Osama will die Gesellschaft ermächtigen, damit die Menschen mit friedlichen Mitteln teilhaben können: „Jede Person soll sich gleich ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Bürger sehen können. Dafür arbeite ich.“

Doch der Weg dorthin ist lang. Gegenwärtig nimmt die Spaltung der syrischen Gesellschaft zu. „Die Radikalität der Islamisten nimmt zu, die Gewalt des Regimes nimmt zu und die Minderheiten verstecken sich hinter den bewaffneten Gruppierungen, die sie vermeintlich schützen“, sagt Osama. „All das sorgt für eine weitere Fragmentierung. Wie das im Libanon während des Bürgerkrieges passiert ist, der das Land heute, Jahrzehnte später, noch immer entlang der alten Fronten spaltet.“

Und genau dagegen will man im Mandela House weiter mit friedlichen Mitteln ankämpfen. Nicht umsonst haben sie es nach dem südafrikanischen Politiker benannt: Aus seiner Politik der Aussöhnung ziehen sie Inspiration. Und eine solche Politik hat Syrien bitter nötig.

Seit Jahren unterstützt Adopt a Revolution die AktivistInnen des Mandela House in ihrem Engagement für Demokratie. Helfen auch Sie mit! Für eine Zukunft, in der Sektiererei in Syrien keine Rolle mehr spielt.

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