Presseschau: Wie Aleppo gebrochen wurde

Über die Kriegsverbrechen des Regimes und seiner Verbündeten in Aleppo, die Machtkämpfe in Idlib und den Nazi der Assads.

Mitte Dezember endete die viereinhalb Jahre währende Schlacht um Aleppo mit einem Sieg des syrischen Regimes und seiner russischen und iranischen Verbündeten. Der US-Think-Tank Atlantic Council widmet sich den letzten Monaten der gemarterten Metropole in einem umfassenden Bericht und legt detailliert dar, wie das Regime und seine Alliierten systematisch zivile Infrastruktur attackierten, um die Bevölkerung zu brechen und zum Aufgeben zu zwingen.

Unter anderem dekonstruiert der Bericht mehrere Lügen der russischen Propaganda zu den Ereignissen in Aleppo. So leugneten der Kreml und seine Medien etwa, dass das Krankenhaus M10 bei Luftangriffen getroffen wurde und so präsentierte man Ende Oktober Satellitenbilder, die angeblich zwischen dem 24. September und dem 11. Oktober entstanden sein sollen. Sie würden, so Moskau, die Unversehrtheit der Nothilfeeinrichtung zeigen und somit Ärzte und Medien der Lüge überführen. Die Autoren des Berichts hingegen illustrieren anhand von Satellitenaufnahmen, die am 25. September und 13. Oktober entstanden und Bombenkrater zeigen, sowie mit Videoaufnahmen und Fotos, dass das Krankenhaus sehr wohl getroffen wurde. Insgesamt wurde es dreimal bombardiert. Andere Hospitäler wie das Krankenhaus M2 wurden zwischen Juni und Dezember sogar vierzehnmal getroffen. Forensische Architekten des Goldsmith Colleges der University of London haben diese Geschehnisse minutiös rekonstruiert:

Ihre Ergebnisse, so die Analysten, würden mindestens systematisches Versagen, im schlimmsten Falle gar die vorsätzliche Zerstörung medizinischer Einrichtungen belegen. Damit stützen sie Untersuchungen von Amnesty International, die Russland und das Assad-Regime bereits im März 2016 einer systematischen Kriegsführung gegen Krankenhäuser bezichtigte. Auch diverse andere Menschenrechtsorganisationen haben in der Vergangenheit entsprechende Recherchen vorgelegt.

Außerdem belegen die Analysten des Atlantic Council den Einsatz von geächteten Streu- und Brandbomben sowie von Chlorgas.

„Der Westen Aleppos wird genauso beschossen, wie der Osten“ – diese Propagandalüge war während der Belagerung Aleppos oft zu hören. Eine Analyse des Zerstörungsgrades der Stadt verweist sie ins Reich der Legenden. Quelle: UNITAR-UNOSAT


Giftgasangriff in Aleppo

Auch Human Rights Watch befasst sich mit den während der Belagerung von Aleppo begangenen Kriegsverbrechen. Die Analysten der Menschenrechtsorganisation waren in der Lage mindestens acht Angriffe mit der Chemiewaffe Chlorgas durch das syrische Regime zwischen dem 17. November und dem 13. Dezember 2016 nachzuweisen. Die reale Anzahl der Gasangriffe dürfte noch höher liegen. Über die Perfidie dieser Waffe schreiben die Autoren: „Weil Chlorgas schwerer als Luft ist, sinkt es und macht die Keller in denen sich die Menschen vor Bombenangriffen zu schützen versuchen zu potenziellen Todesfallen.“ Der Bericht zitiert einen Aleppiner Journalisten der sagt: „Wir haben uns an die Bomben und den Beschuss gewöhnt. Aber vor Chlorgas kannst du dich nicht schützen. Es wird dich ersticken.“

Die Vereinten Nationen wiesen in der Vergangenheit sowohl dem Assad-Regime als auch dem „Islamischen Staat“ den wiederholten Einsatz von Giftgas nach. Bei den verheerendsten Angriffen erhielten sie jedoch nicht das politische Mandat, um auch die Schuldigen zu ermitteln.

Derweil brüstet sich der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu damit, dass von den 162 verschiedenen durch das russische Militär in Syrien erprobten Waffen nur zehn die mit ihnen verbundenen Erwartungen nicht erfüllt hätten.

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Protest gegen Fatah al-Sham Ende Januar in Atareb

In der Washington Post berichten Liz Sly und Zakaria Zakaria über die Offensive der Dschihadistenmiliz Jabhat al-Nusra (aka Fatah al-Sham) in der nordsyrischen Provinz Idlib. Die Radikalen versuchen seit Ende Januar ihre Machtbasis in der Region auszubauen, attackieren moderatere Rebellengruppen, Aktivisten und die lokalen zivilen Verwaltungsräte und gründeten die neue radikale Allianz Tahrir al-Sham. Um zu überleben zwingt das brutale Vorgehen al-Nusras kleinere eher nationalistisch gesinnte Rebellengruppen in eine Allianz mit der ebenfalls radikalen, salafistisch orientierten Miliz Ahrar al-Sham. Ein Kommandant einer Rebelleneinheit, die sich dieser Miliz noch nicht angeschlossen hat, gibt zu Protokoll: „Die al-Qaida-Ideologie verbreitet sich überall und man hat uns aufgegeben.“ Und so scheint der Kampf vielerorts aussichtslos, auch weil Unterstützung ausbleibt. Eine moderate Gruppe habe bereits ihr Waffenlager niedergebrannt, damit das Material nicht in die Hände al-Nusras fallen kann.

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Der syrische Analyst Haid Haid betont auf der Website des Atlantic Council die Wichtigkeit der hierzulande kaum beachteten Kämpfe in Daraa im Süden Syriens. Dort haben Einheiten der Rebellen eine Offensive gegen das Regime begonnen um strategisch wichtige Grenzübergänge zu schützen, denen sich das Regime langsam näherte. Mit diesem Angriff handelten die hauptsächlich von Jordanien gestützten Milizen gegen die Interessen Ammans, das auf Ausgleich mit Russland und Damaskus setzt. Rebellen fürchten daher vom benachbarten Königreich fallengelassen zu werden. Dies wiederum führt zunehmend zur Kooperation der eigentlich sehr moderaten südsyrischen Rebellen mit radikalen Kräften wie der Nusra-Front.

Dem Verhältnis zwischen den Rebellengruppen und Jordanien widmet sich auch die Neue Zürcher Zeitung.

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Hassan Hassan schreibt in The National über die anti-ISIS-Strategie der Vereinigten Staaten in Syrien. Washington müsse arabische Rebellengruppen in eine Offensive gegen die ISIS-Hochburg Raqqa einbinden, eine Dominanz der kurdischen Milizen verhindern und auf eine Sicherheitszone im Osten des Landes hinarbeiten. Sonst – so Hassan – könnte sich al-Qaida wieder in der Region einnisten. Entsprechende Pläne existierten bereits unter den Extremisten.

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Nazi-Scherge Alois Brunner

Dass Alois Brunner, die rechte Hand des Holocaust-Konstrukteurs Adolf Eichmann, jahrzehntelang unter dem Schutz des Assad-Regimes in Damaskus lebte, ist bekannt. Den französischen Reportern Hedi Aouidj und Mathieu Palais ist es nun zum einen gelungen, die ehemaligen syrischen Leibwächter Brunners aufzutreiben. Zum anderen gehen sie der Frage nach ob Brunner wirklich, wie vermutet wird, den syrischen Geheimdienst beraten hat und ihn manch berüchtigte Foltermethode lehrte. Die Journalisten zitieren etwa einen „Angehörigen des engsten Kreises des Assad-Clans, der zu den hochrangigen Vertretern des Sicherheitsapparats zählte, bevor er aus dem Land floh.“ Dieser sagt: „Nach Brunners Ankunft in Syrien ging er direkt zu Hafez al-Assad und stellte sich als enger Berater Hitlers vor. Und sogleich wurde er zum Präsidentenberater ernannt. Man schickte ihn nach Wadi Barada, einer Geheimdienstbasis. Dort hat er alle Hauptleute gedrillt.“ Derweil berichten die Leibwächter wie penibel man darauf bedacht war seine Präsenz in der Hauptstadt geheim zu halten. Als es der Bunten gelingt, Brunner aufzuspüren, liegt fortan die Ausgabe der Illustrierten immer herum. Als Mahnung an die Aufpasser des Nazis.