Presseschau: "Assad hasste Daraya. Es war alles, was er verabscheute"

Über den Fall Darayas, die gescheiterte russisch-amerikanische Waffenruhe und Syriens Antibiotika-Krise.

„Ihr seid nicht unsere Feinde, unser Feind ist der Diktator“ stand auf den mit Rosen geschmückten Wasserflaschen, die 2011 an die Soldaten verteilt wurden, die in die widerständige Stadt einmarschierten. Ghiyath Matar, der junge Mann, der die Idee mit den Blumen hatte, wurde noch im selben Jahr vom Regime zu Tode gefoltert, sein Leichnam vor dem Haus seiner Familie abgeworfen. Kaum ein Ort hat den kreativen und zivilen Widerstand in Syrien so geprägt wie Daraya. In ihrem Kampf für universelle Werte haben sie tausenden Bomben und Hunger getrotzt. Nach vier Jahren Belagerung hat Ende August der Terror des Assad-Regimes gesiegt und tausende Menschen werden vertrieben.

Im SPIEGEL beschreibt ein Überlebender eindrücklich die letzten Tage vor der Evakuierung der Stadt. Er hält fest: „Bei uns gab es keine Nusra-Front und keine ideologisch Verrückten, niemanden von außen“, weil auch einfach niemand durch den Belagerungsring gekommen sei, „keine Scharia-Gerichte und Warlords. Bei uns unterstanden die beiden Rebellengruppen bis zum Schluss dem zivilen Rat der Stadt. Das Regime hat es geschafft, jene Stadt, die die Seele der ersten Generation der Revolution war, zu beseitigen.

Auch das Politikmagazin Foreign Policy würdigt die einstige Keimzelle der Revolution. Ein ehemaliger Bewohner erzählt: „Diese Idee, dass es nur die Wahl zwischen Assad und ISIS gebe, ist nicht richtig. In Wirklichkeit gibt es noch eine andere Wahl, und das sind wir. Wir suchen eine Zukunft und glauben, dass es eine anständige Zukunft ist, wenn wir frei und in Würde leben.“
Die traurige Wahrheit sei aber die, dass Darayas Ende ein gewaltiger Schlag für seine Träume und die aller demokratisch gesinnten Syrer ist, die dieser Tage überall trauerten. Und das sei auch der Grund, warum Assad sich ausgerechnet Daraya ausgesucht hätte, um hier durch die Geisterstadt zu flanieren und Reden zu schwingen. „Er hasste Daraya“, gibt die Kriegsreporterin Janine di Giovanni zu Protokoll. „Es war alles, was er verabscheute.“

Graffiti in Daraya. Foto: Lokales Medienzentrum

Graffiti in Daraya. Foto: Lokales Medienzentrum

Über die Bewohner der Stadt, die ins nordsyrische Idlib evakuiert wurden, berichtet Syria Untold. Viele der Vertriebenen zweifelten an dem, was sie dort sehen. Nähmen es als Chaos wahr, das Angst einflösst. Das hätte viele Gründe – anders als in Daraya unterstehen die Bewaffneten dort oft nicht der Stadtverwaltung, sie versuchen selber zu regieren – gegen die zivile Verwaltung. Dazu käme die Internationalisierung der dortigen Milizen, die Anwesenheit von Dschihadisten und die Unterlegenheit der lokalen Gruppen. Dinge vor denen das geographisch abgelegene Daraya geschützt war und die konträr zu den Zielen der Revolution stehen.

Für Syria Deeply schreibt Annia Ciezadlo: „Am 2. September, eine Woche nachdem das Regime die Kontrolle über Daraya zurückgewonnen hatte, führte ein [schiitischer] irakischer Geistlicher namens Amjad al-Bahadleh [Führer der Miliz Liwa al-Imam al-Hussein und ein Verbündeter des islamistischen Geistlichen Muqtada as-Sadr] das Freitagsgebet in den Trümmern der Stadt an. Der Kleriker senkte seinen Kopf, flankiert von Kämpfern mit Maschinengewehren, hinter ihm eine Reihe auf Gebetsteppichen kniender Männer. Sie alle trugen Kampfanzüge, mit Ausnahme eines Mannes, auf dessen T-Shirt ‚No War‘ stand.“

Die Szene beschreibe die Polarisierung des Landes – je nachdem, aus welcher Perspektive man sie sähe, wäre sie entweder die selbstgefällige Feier der konfessionellen Säuberung der mehrheitlich sunnitischen Stadt, die fromme Gedenkfeier zu Ehren eines von „Terroristen“ befreiten heiligen Schreins, oder beides zugleich. „Ob auf Seiten des Regimes oder der Opposition, man kann einen Appell an konfessionelle Identitäten beobachten, um lokale und transnationale Kräfte zur eigenen Unterstützung zu mobilisieren“, so zitiert die Autorin den libanesischen Politikwissenschaftler Bassel Salloukh. „Das Problem ist, dass die Leute, sobald man versucht konfessionelle Identitäten zur eigenen Absicherung zu nutzen, anfangen, diese als feste, ursprüngliche und einzige Marker politischer Identität zu betrachten.“ Der Professor konstatiert: „Was wir in Syrien an den Evakuierungen [wie jener in Daraya] sehen, ist, denke ich, ein großer Teil (…) dieser Art von Bürgerkrieg, die ein bestimmtes Maß an ethnischer und konfessioneller Dimension annimmt: Ein Bevölkerungsaustausch mit dem Ziel die Demografie neu zu ordnen.

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Auch dem russisch-amerikanischen Waffenstillstandsabkommen widmeten sich in der vergangenen Woche viele Medien. Nun, wo seit Montagabend klar ist, dass die Waffenruhe gescheitert ist, das Regime Aleppo wie selten zuvor bombardiert und einen Hilfskonvoi in Aleppo angegriffen hat, seien an dieser Stelle drei hervorragende Analysen empfohlen. Sie alle erklärten bereits in den ersten Tagen nachdem US-Außemninister Kerry und sein russischer Amtskollege Lavrov das Abkommen der Öffentlichkeit präsentiert hatten, warum es zum Scheitern verurteilt war:

„Assad braucht den Krieg“ von Andrea Böhm in der ZEIT.

„Die unperfekte Welt des neuen Syrien-Deals“ von Hassan Hassan, Bassam Barabandi und Faysal Itani in The National (UAE).

„Wird der USA-Russland-Deal Syrien Frieden bringen? Erwarten Sie nicht zu viel“ von Michael Weiss auf The Daily Beast.

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Geographie des Terrors: Chemiewaffenangriffe in Syrien

Geographie des Terrors: Chemiewaffenangriffe in Syrien

Die NGO The Syrian Archive zeigt anhand von analysiertem und verifiziertem Open Source Material auf, dass die Resolution 2118 des UN-Sicherheitsrates dem Chemiewaffen-Terror in Syrien kein Ende gesetzt hat. Ihre Ergebnisse hat die Organisation in einer interaktiven Karte festgehalten. Ihre Ergebnisse zeigen auch deutlich, dass die neun kürzlich von der UN analysierten Chemiewaffenangriffe aus den Jahren 2014 und 2015 nur die Spitze des Eisbergs sind und stützen zugleich deren Untersuchungen. Für jene die aufgeklärt werden konnten, waren das Assad-Regime und ISIS verantwortlich.

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Immer mehr Syrer entwickeln Resistenzen gegen Antibiotika. Etwa die Hälfte aller Patienten, die im Ärzte ohne Grenzen-Krankenhaus von Amman ankommen, leiden an einer chronischen Infektion. 60 Prozent dieser Patienten sind resistent gegenüber mehreren Medikamenten. Ein Arzt gibt zu Protokoll, dass die die Situation katastrophal werden könne, wenn noch mehr solcher Fälle auftreten sollten. Das berichtet das Nachrichtenmagazin Newsweek. Immer öfter wüssten sich Ärzte nur noch mit Amputationen und Reserveantibiotika zu helfen. Eine der größten Errungenschaften der Menschheit drohe für immer mehr Syrer nicht mehr einsetzbar zu sein. Gründe gibt es viele dafür – vom laxen Umgang mit starken Medikamenten im Mittleren Osten (wo Antibiotika schon wegen jeder noch so trivialen Kleinigkeit verschrieben werden), über Assads systematischen Krieg gegen Ärzte, der den oppositionellen Gebieten erhebliches medizinischen Know-How beraubt hat, bis hin zu resistenten Bakterien, die durch die miserable hygienische Situation im Kriegsgebiet, in Feldhospitälern und durch Bombenangriffe freigesetzt würden. „Wir müssen den Krieg beenden, um der Antibiotikaresistenz Einhalt zu gebieten“, sagt ein Arzt.

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