Partizipation gegen Extremismus

Der syrische Autor Haid Haid zeigt am Beispiel seiner Heimatstadt Atareb auf, wie lokaler Widerstand gegen dschihadistische Milizen funktionieren kann und welche Lehren daraus zu ziehen sind.

Allzu oft diskutiert man Außenpolitik im Westen ohne dabei die lokalen Verhältnisse einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Insbesondere im Hinblick auf den Nahen Osten und den War on Terror bleiben Analysen und Debatten oft bedrückend oberflächlich, am Ende stehen monolithische Blöcke wie „die Kurden“, „die Araber“, „die Sunniten“ und „die Minderheiten“. Lokale Stimmen und Perspektiven finden wenig Gehör. Dabei könnte gerade die Mikroperspektive dabei helfen, Fehler zu vermeiden und alternative Konfliktlösungsstrategien aufzuzeigen.

In einer neuen Publikation des britischen Thinktanks Chatham House analysiert der syrische Autor Haid Haid den Widerstand gegen den islamischen Extremismus in seiner Heimatstadt Atareb und versucht eben eine solche Mikroperspektive zu liefern. Dafür hat er den Akteuren vor Ort zugehört.

Gegen IS und Nusra-Front
Von dort nämlich vertrieb die Bevölkerung den IS Anfang 2014 – ganz ohne internationalen Beistand – und trat so auch eine Bewegung los, die zur Vertreibung des IS aus Idlib und dem Westen des Gouvernements Aleppo führte. Seitdem erwehrt sich der 30.000-Seelen-Ort auch erfolgreich der Bedrohung durch die al-Qaida-nahe Nusra-Front – anders als etwa weite Teile Idlibs.

Der erfolgreiche Widerstand, so Haid, sei das Resultat der gesellschaftlichen Strukturen vor Ort. Diese griff der IS in der Vergangenheit stets zuerst an, indem er sie langsam unterwanderte, wie der Spiegel-Reporter Christoph Reuter in seinem Buch „Die schwarze Macht“ nachgezeichnet hat. Um zu siegen mussten die Radikalen sie zersetzen. Ausgangspunkt waren meist Da’wa-Zentren, Einrichtungen zur Missionierung. Von diesen aus bauten die Gotteskrieger umfangreiche Informanten- und Loyalistennetzwerke auf, die später als Fundament für die Machtergreifung dienten. Nicht umsonst nennt Reuter den IS das „Stasi-Kalifat“. Nicht anders war es in Atareb. „Der IS hatte ein großes Netzwerk von Informanten in der Stadt, was Misstrauen unter den Menschen säte, weil sie nicht wussten, wer sie bespitzelte. Das Ergebnis war, dass sich Menschen dem IS anschlossen, um sich zu schützen“, zitiert Haid einen lokalen Aktivisten.

Repression und Willkürherrschaft
Neben diesen Maßnahmen versuchte der IS die nach der Befreiung Atarebs vom Assad-Regime aufgebauten Organe der zivilen Selbstverwaltung anzugreifen und sich als die bessere Alternative darzustellen. Weil ihnen die lokale Verwaltung den Einzug in die Gerichte verwehrte etablierten die Dschihadisten etwa eine eigene Justiz. Um diese als effizienter zu inszenieren, als die oppositionellen Strukturen, wurden Geständnisse gleich aus den Menschen herausgefoltert – ganz gleich was die Beweise sagten. Hinzu kamen soziale Wohltaten wie subventioniertes Brot und günstiger Treibstoff.

Von den Stasi-Methoden bis hin zu den vermeintlichen sozialen Wohltaten – im Kern agierte der IS also wie die alten arabischen Despotien, um sich Rückhalt in der Bevölkerung zu erkaufen. Es ist kein Geheimnis, dass einstige Schergen des irakischen Diktators Saddam Husseins auf allen Hierarchieebenen des IS zu finden sind. Zu ihren Methoden gehört freilich auch die unerbittliche Verfolgung politischer Gegner. Nach und nach wurden in Atareb unabhängige Aktivisten und Bürgerjournalisten ermordet, ebenso Kommandeure der Freien Syrischen Armee FSA. Es kam zu öffentlichen Hinrichtungen und daraufhin zu breiten Protesten der Zivilbevölkerung von Atareb gegen die Willkürherrschaft der Dschihadisten. Schließlich drohte der IS die Stadt einzunehmen.

Ein Aktivist übermalt in Atareb die Parolen dschihadistischer Kämpfer.

„Ein unglaubliches Gefühl der Solidarität“
Ihm gegenüber aber stand eine – für syrische Verhältnisse – starke Zivilgesellschaft, die sich nach 2011 herausgebildet hatte, Rebellengruppen, die anders als der IS lokal verwurzelt waren, sowie die lokalen Autoritäten. Diesen Fraktionen gelang es effizient zusammenzuarbeiten, gerade weil sie alle lokal gewachsen waren. Zivile Aktivisten waren es auch, die verschiedene Kämpfer dazu brachten, sich entgegen der Befehle ihrer abwartenden Kommandanten gegen den IS zu wenden. All diese Kräfte hielten schließlich eine Notfallsitzung ab, besprachen Verteidigungsmaßnahmen und bereiteten sich auf den IS-Angriff vor. „Das Gefühl der Solidarität unter den Zivilisten war unglaublich. Es erinnerte mich an die frühen Tage des friedlichen Protests gegen Assad. Alle haben zusammengearbeitet“, erzählt ein Aktivist dem Autor. „Einige begannen zu kochen und nach denen zu sehen, die an den Checkpoints waren. Andere übernahmen Schichten an den Checkpoints oder patrouillierten in der Stadt. Andere spendeten Geld, Munition, Waffen. Sogar die Restaurants begannen Essen kostenlos zu servieren.“

Tatsächlich gelang es ihnen den Angriff des IS zurückzuschlagen – anders als große Teile Syriens und des Iraks. Die IS-Kämpfer kapitulierten und Atareb unternahm den Versuch jene von ihnen zu resozialisieren, die – entgegen der großen Mehrheit der Dschihadisten – originäre Einwohner der Stadt waren. Solange man sie nicht mit Verbrechen in Verbindung bringen konnte. Gerade die stark ideologisierten Kämpfer aber schlossen sich dem IS andernorts an. Wieder andere gingen zur Nusra-Front. Welche Rolle das soziale Stigma der IS-Mitgliedschaft und die dadurch erworbene Rolle des Paria bei der gescheiterten Resozialisierung gespielt habe, sei unklar, so Haid.

Lokale communities ermächtigen
Gut ein Jahr später, Anfang 2015, steht jedenfalls al-Nusra vor den Toren der Stadt. Erneut ruft der lokale Rat zum Widerstand auf, Checkpoints werden errichtet. Doch diesmal sind viele lokale Rebellengruppen zurückhaltender. Zu wichtig sind die Radikalen für sie auf dem Schlachtfeld und so gelingt es der Nusra-Front zumindest eine Basis außerhalb der Stadt einzunehmen. Am Betreten der Stadt aber hindert Atareb sie bis heute, immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen, zuletzt Anfang dieses Jahres. Doch noch immer ist Atareb widerständig.

Haid konstatiert: „Ermächtigt man starke lokale communities dazu, ihre eigenen Alternativen und Lösungen zu schaffen, so sind sie auch dazu angespornt, für sie zu kämpfen.“ Deswegen müssten die Vereinigten Staaten und die anderen an der anti-IS-Koalition beteiligten Kräfte dringend die tiefgreifenden politischen, sozioökonomischen und kulturellen Probleme adressieren, die den Aufstieg des IS begünstigten – in enger Kooperation mit den lokalen communities. Partizipation müsse im Zentrum der Anstrengungen stehen, die auf den militärischen Sieg folgen. So ließe sich nach der Befreiung von der dschihadistischen Terrorherrschaft eine stabile Zukunft schaffen und der Aufstieg einer alternativen IS-artiger Ideologie verhindern. Haid befürchtet durch ein wie auch immer geartetes politisches Vakuum insbesondere ein weiteres Erstarken der Nusra-Front, die sich heute Hai’at Tahrir al-Sham nennt.


Lesen Sie hier die ganze Fallstudie.

Ein von Adopt a Revolution unterstütztes Zentrum zivilgesellschaftlicher Aktivisten steht in Atareb bis heute an vorderster Front, wenn es darum geht, Widerstand gegen die noch immer vor den Toren der Stadt stehenden Kämpfer von Jabhat al-Nusra zu organisieren. Erfahren Sie hier oder hier mehr über ihre Arbeit und unterstützen Sie die Dissidenten mit Ihrer Spende!

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