Nationale Koalition erhält Mitgliedschaft in Arabischer Liga, al-Khatib hält Rede trotz Rücktritt – Netzschau 26. März

In den befreiten Vierteln Aleppos fand vor kurzem ein zweitägiges Kinderfestival statt, Bildmaterial liefert das Fotokollektiv „Lens Young Halabi“. Über die syrienweit aktive Aktivistengruppe Nabd (Puls) berichtet Lebanon Now (Arabisch). Zum 2. Revolutionsgeburtstag führte die Gruppe in Aleppo und Damaskus eine Reihe von Aktivitäten unter dem Motto „Human Revolution for the Sake of Life“ durch, […]

In den befreiten Vierteln Aleppos fand vor kurzem ein zweitägiges Kinderfestival statt, Bildmaterial liefert das Fotokollektiv „Lens Young Halabi“. Über die syrienweit aktive Aktivistengruppe Nabd (Puls) berichtet Lebanon Now (Arabisch). Zum 2. Revolutionsgeburtstag führte die Gruppe in Aleppo und Damaskus eine Reihe von Aktivitäten unter dem Motto „Human Revolution for the Sake of Life“ durch, u.a. Graffiti, Verteilen von Stickern und kleine Feiern; Bilder sind im Artikel zu sehen. Ein Graffiti sagt z.B.: „Sag der Kugel, wir sind alle Syrer.“ Nabd hat damit an die Ziele der Revolution sowie getötete und inhaftierte Aktivisten erinnert. Die Aleppiner Aktionen wurden im Oppositionsviertel Bustan al-Qasr veranstaltet, in Damaskus fanden die Aktionen im regimekontrollierten Stadtzentrum statt.

Das Video „Die Kunst des Überlebens“ aus dem Damaszener Vorort Duma zeigt, wie in Syrien aus nahezu nichts beinahe alles werden kann. In einer 6-minütigen Präsentation (englische Untertitel) stellt ein Einwohner vor, was man aus den verschiedensten Waffenüberresten in der Stadt alles herstellen kann: Gehstöcke, Klos, Wasserpfeifen, Motorräder, Heizkessel, Musikinstrumente – der Kreativität scheinen keine Grenzen gesetzt. Eine Portion gehöriger Witz gehört auch zum Stimmungsbild aus Douma.

Am vergangenen Wochenende haben sich rund 150 alawitische Oppositionsvertreter, inklusive Aktivisten und religiöser Führer, zu einem zweitägigen Treffen in Kairo versammelt, wie Al-Jazeera berichtete. Ethnische und konfessionelle Konflikte sollen nach einem Sturz Assads verhindert werden und eine Übergangsjudikative geschaffen werden. Die alawitischen Teilnehmer rufen hierzu auch zur Beteiligung der anderen Oppositionsgruppen auf. Die Presse schreibt, eine Erklärung habe sich an die syrische Armee gewandt: „Wir rufen unsere Brüder in der syrischen Armee auf, speziell die Mitglieder unserer Gemeinschaft, nicht die Waffen gegen ihr Volk zu erheben und den Eintritt in die Armee zu verweigern“.

Am Donnerstag starb bei einem Anschlag der in theologischer Hinsicht geachtete Kleriker Al-Bouti, der aber für die offene Unterstützung des Assad-Regimes bei der Opposition in Verruf geraten war. Die Frage nach den Tätern wirft große Spekulationen auf, wie H.A. Hellyer schreibt. Wollte das Regime sich eines möglicherweise desertierenden Scheikhs entledigen und gleichzeitig die Opposition in Verruf bringen? Oder hat die FSA sich für die Regimetreue gerächt? Hat Jabhat al-Nusra den Anschlag auf Bouti begangen? Al-Boutis Haltung habe wohl viele Syrer veranlasst, weiterhin dem Regime die Treue zu halten. Seine Tochter dementierte gegenüber Al-Jazeera, dass ihr Vater desertieren wollte. Er habe Assad aus Überzeugung unterstützt: „My father’s position […] was based on conviction and religious texts. He believed one should not disobey [the ruler]. Disobeying may lead to strife and strife would lead to a cycle of more disorder.”

Thomas Pierret berichtet auf Syria Comment über die erstaunliche Haltung, die al-Bouti seit Jahrzehnten im Baath-Staat einnahm. Er war ein enger Vertrauter Hafez al-Assads, verurteilte den islamischen Aufstand der 1970/80-er Jahre, nutzte seine Position jedoch nicht zum Anhäufen von Reichtum. Die Revolution 2011 verurteilte er von Beginn und steigerte sich in seiner Unterstützung Assads bis zuletzt: „A few days before his assassination […] al-Buti was still encouraging the faithful to wage jihad in the ranks of the ‘heroic’ Syrian Arab Army, which he once compared to the Companions of the Prophet, in order to defeat the ‘global conspiracy’ against Syria.” Pierret meint, das Regime habe mit dem Tode Boutis den letzten bedeutenden sunnitischen Kleriker als Unterstützer verloren. Das Regime hat sich in seiner PR nach dem Anschlag nicht lumpen lassen, wie der Social Media Buzz zeigt. Angebliche Überlebende des Anschlags wurden interviewt, z.T. mit Unterhemd, Goldkettchen und Tattoo, was einem Moscheebesuch nicht angemessen ist. Dumm nur, dass mindestens zwei der „Überlebenden“ regelmäßige Augenzeugen des Staatsfernsehens in wandelnden Rollen sind.

Bei der heutigen Sitzung der Arabischen Liga (AL) in Qatar vertrat zum ersten Mal die Opposition Syrien bei einer internationalen Organisation. Der seit 2011 vakante Sitz Syriens – aufgrund der Gewaltanwendung wurde das Regime ausgeschlossen – fällt nun an die NC. Trotz seines angekündigten Rücktritts sprach Moaz al-Khatib für die Nationale Koalition. In der flammenden Rede (Arabisch) schilderte Khatib die Lage in Syrien, verdammte die internationale Untätigkeit sowie die häufigen Ausreden, – u.a. die Frage der Minderheiten sowie des Terrorismus – nichts zu unternehmen. Er erinnerte an die düstere Bilanz des Regimes in Bezug auf Minderheiten in Libanon und Syrien. Der SPIEGEL berichtet über Khatibs Forderung, die in der Türkei stationierten Patriots zum Schutz der Menschen in Nordsyrien einzusetzen. Solch eine Schutzzone ist im Mandat der Patriot-Stationierung jedoch nicht enthalten, die NATO hat Khatibs Ansinnen gleich abgewiesen. Laut SPIEGEL verlas Khatib auch mehr als einen Seitenhieb an die Mitglieder der AL: „So wie ihr eure Völker behandelt, fürchtet Gott und sorgt für mehr Gerechtigkeit in euren Ländern.“

Ob Khatib seinen Rücktritt des NC-Vorsitzes zurücknimmt, ist derzeit unklar. Seinen Rücktritt vom Sonntag begründete er mittlerweile mit der Untätigkeit der Welt. Die Nationale Koalition hatte sich geweigert, seinen Rücktritt anzuerkennen.


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