Die meisten Syrer sehen dem Einbrechen des Winters ebenso mit Schrecken entgegen wie den Patrouillen der Scud-Raketen, die den Himmel auf dem Weg von einer zur nächsten Stadt durchkreuzen. Die Wohnungen in den Regionen, die einem täglichen Bombardement ausgesetzt sind, verfügen über kein einziges Fenster mehr. Das Glas, das nicht bereits unter dem Beschuss zersprungen ist, haben die Bewohner entfernt, um zu verhindern, dass es bei einem Angriff in Scherben zerschlagen wird.

Elektrizität gehört der Vergangenheit an, seitdem sie vor über einem Jahr in den Regionen der Aufständischen unterbrochen wurde. Treibstoff können sich nur noch die Wenigsten leisten und das auch nur, wenn er überhaupt verfügbar ist. Aus den Erfahrungen des letzten Winters weiß man jedoch, dass dies selten der Fall sein wird.

Olivenbäume, die bis zu Hunderte von Jahren alt sind, werden entlang des belagerten Ghouta [Vorortgürtel östlich und westlich von Damaskus] gefällt, um sie als Feuerholz für die Brennöfen zu nutzen. In den belagerten Regionen, in denen es keine Bäume gibt, bleibt es der Bevölkerung erspart, sich der Zerstörung des nationalen Reichtums an Olivenbäumen schuldig zu fühlen. Aber sie werden nichts finden, was ihnen Wärme verschafft, nicht einmal ein kleines bisschen. Im vergangenen Jahr haben wir viele Geschichten von Familien gehört, die das hölzerne Mobiliar, das ihnen in ihren Wohnungen verblieben war, verfeuert haben, um ihre Kinder zu wärmen.

Der langsame Tod erwartet die Kinder, die Alten und Kranken in den belagerten Regionen (Bild: Global)

Der langsame Tod erwartet die Kinder, die Alten und Kranken in den belagerten Regionen (Bild: Global)

Einige belagerte Regionen, insbesondere das Lager Yarmouk [ein Flüchtlingslager palästinensischer Flüchtlinge im Süden von Damaskus] sowie die Orte al-Hadschar al-Aswad und Muadamiyat al-Sham stehen unmittelbar und in ganz naher Zukunft vor einer humanitären Katastrophe, da Lebensmittel und Medikamente im Grunde gänzlich verbraucht sind und die Blockade über diese Regionen kategorisch und im wahrsten Sinne des Wortes verhängt wurde. Wenn dazu die Kälte des einsetzenden Winters kommt, können wir uns vorstellen, was für ein langsamer und brutaler Tod auf die Kinder, die Alten und die Kranken dieser Regionen wartet. Die kommenden Monate sind nicht mit dem Winter des letzten Jahres zu vergleichen. Auch damals war der Treibstoff knapp, aber zumindest gab es Möglichkeiten, Hilfe in Form von Nahrung, Kleidung und Medikamenten in die Regionen der Aufständischen zu schaffen.

Der Tod durch die Blockade wird dann besonders grausam, wenn die Blockade mit Umweltbedingungen und dem Wechsel der Jahreszeiten zusammenfällt. Aber es wird nicht eingegriffen und sei es nur durch “Beileidsbekundungen” innerhalb der fiktiven roten Linien, die die internationale Gemeinschaft als eine Grenze gezogen hat, die das Regime bei seinen Verbrechen nicht überschreiten soll.

Wird die zivilisierte Welt die belagerten Regionen ebenfalls auf den Verhandlungstisch mit dem Regime bringen, wenn es darum geht, sich Zutritt zu den Chemiewaffenlagern zu verschaffen? Vielleicht bringt es ja etwas, zu wiederholen, dass der langsame Tod durch Kälte, Hunger und Krankheit nicht weniger schrecklich ist als der schnelle Tod durch das Einatmen von Saringas.

Die internationale Gemeinschaft muss dem Regime bei den Verhandlungen zur Auslieferung von Chemiewaffen und dem Unterlassen eines möglichen Angriffs zur Bedingung machen, dass Hilfskonvois des Roten Kreuzes und ähnlicher Organisationen in die belagerten Regionen Zutritt gewährt wird. Oder ist das eine Verschwendung ihrer wertvollen Zeit im Kampf gegen die Gefahr durch Chemiewaffen?! Verdient denn nicht eine bevorstehende humanitäre Katastrophe angesichts des nahenden Winters zumindest einen Versuch, und sei es nur internationaler Heuchelei geschuldet?!

Der obige Text wurde im arabischen Original am 22. September vom libanesischen Onlineportal Now veröffentlicht. Eine Aktivistin von Adopt a Revolution hat den Text ins Deutsche übertragen. Razan Zeitouneh ist Menschenrechtsanwältin und dokumentiert seit 2011 Opferzahlen des Konflikts. Trotz akuter Drohungen ist Zeitouneh in Syrien geblieben und lebt weiterhin im Untergrund. In den letzten beiden Jahren wurde sie für ihr Engagement mit mehreren Menschenrechtspreisen ausgezeichnet. Zeitouneh verfasst regelmäßig Berichte über die Lage in Syrien und weist auf humanitäre Missstände, aber auch auf Erfolge von AktivistInnen hin.

Unterstützen Sie die Aktivitäten der Zivilgesellschaft in Syrien! Stärken Sie die Arbeit der lokalen Bürgerkomitees!

Jetzt spenden!