Merkel, Maas & Co: Fahrt nicht zur Fußball-WM!

In einer perfekten Welt ginge es bei der Fußball-WM der Herren um nichts anderes als Fußball und Völkerverständigung. Doch die Realität sieht anders aus: Die WM 2018 in Russland dient dem Autokraten Putin zur Image-Pflege, die seine Menschenrechtsver-letzungen in In- und Ausland vergessen machen soll.

Auch wenn der Sport gern betont, er sei gänzlich unpolitisch, wird er weltweit politisch instrumentalisiert. Ganz besonders willkommen ist die von Sportereignissen gebotene, vermeintlich unpolitische Bühne bei Autokraten und Diktatoren. Der krasseste Fall in der Geschichte: Die olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin, dank derer sich das Naziregime international als friedlich und weltoffen inszenieren konnte.

„Ich habe keinen politischen Gefangenen gesehen“
Doch auch Jahrzehnte später erfüllen Olympia und Fußball-WM Begierden brutaler Regime. 1978 durfte sich die argentinische Militärdiktatur im Lichte der Weltmeisterschaft sonnen, während zeitgleich Tausende politische Gegner verschwanden, gefoltert und getötet wurden. Viele deutsche Fußballer spielten das Spiel mit. Berti Vogts, damals Kapitän der deutschen Mannschaft, ließ verlauten: „Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen“. Und der Nationalspieler Manfred Kaltz sagte laut Medienberichten: „Ich fahr da hin, um Fußball zu spielen, nichts sonst. Belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird. Ich habe andere Probleme“.

Eine solche Ignoranz gegenüber schwersten Menschenrechtsverletzungen kommt Autokraten und Diktatoren sehr zupass – noch dazu, wenn sie von beliebten Fußballern und Athleten vertreten werden. Selbst wenn Sportler nichts dergleichen äußern, taugen sie noch gut zur Dekoration, etwa dem türkischen Autokraten Erdogan, der sich erst jüngst, mitten im Präsidentschaftswahlkampf, mit den beiden beliebten deutschen Nationalspielern Özil und Gündogan ablichten ließ.

Auch Putins Ziel ist es, sein Land und seine Politik bei der WM in bestem Licht darzustellen. Er möchte ein modernes Land präsentieren, das im Geist des Friedens und der Fairness die Fußballmannschaften anderer Staaten empfängt. Dabei ist die russische Regierung für massiven Rechtsbruch und schwerste Menschenrechtsverletzungen verantwortlich: Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim ist ein Beispiel, aber Putins Russland begeht und deckt auch in Syrien schwerste Verbrechen. Das Assad-Regime, das für 90 Prozent der zivilen Opfer des Syrienkriegs, für Angriffe mit chemischen Waffen, für Entführungen, systematische Folter und gezieltes Aushungern ganzer Stadtteile und Regionen steht, verdankt seine Macht dem russischen Veto im UN-Sicherheitsrat und insbesondere seit 2015 auch der russischen Armee, der in Syrien selbst schwere Kriegsverbrechen nachgewiesen wurden, etwa Luftangriffe auf zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser und Schulen.

Dasselbe gilt für Katar
Zwar stimmt es, wenn DFB-Präsident Reinhard Grindel sagt, der Fußball könne „nicht Probleme lösen, die von der Uno und den großen Mächten dieser Welt nicht gelöst werden“. Und sicherlich begeht die korrupte FIFA den Fehler, wenn sie die Austragung einer Fußball-WM an Autokratien und Diktaturen wie Russland und Katar vergibt. Aber ein WM-Boykott Deutschlands wäre gut begründbar und ein starkes Zeichen gegen sportliche Großereignisse, die vor allem der Selbstdarstellung repressiver Regime dienen.

Selbst wenn ein Fußballverband wie der DFB nicht gleich die Teilnahme an der WM absagt: Wer trotzdem in die Pflicht genommen werden kann und muss, sind die Abgeordneten des Deutschen Bundestags und die VertreterInnen der Bundesregierung. Sie reisen häufig zu Spielen der deutschen Nationalmannschaft an, dabei sind sie in besonderem Maße dafür verantwortlich, sich nicht vor den propagandistischen Karren autoritätrer Führer spannen zu lassen. Wenn Kanzlerin Angela Merkel oder Innen- und Sportminister Horst Seehofer auf den Stadiontribünen Russlands jubeln, wäre der Propagandasieg der Regierung Putin komplett.

Es ist schlimm genug, dass der ehemalige Bundeskanzler und jetzige Erdgas-Lobbyist Gerhard Schröder (SPD) bei Putins Amtseinführung in erster Reihe stand, dem Autokraten als einer der ersten die Hand schüttelte und ihm so gewichtige internationale Anerkennung spendete. Aus Solidarität mit den Opfern der Politik von Wladimir Putin muss jetzt gelten: Keine weitere propagandistische Unterstützung für Putins autoritären Kurs!

Die Abgeordneten des Bundestags und alle VertreterInnen der Bundesregierung dürfen sich nicht für autoritäre Propaganda benutzen lassen – fahren Sie nicht zur Fußball-WM nach Russland!