Die Menschenrechtler und die Salafisten

Im Dezember 2013 ließ die salafistische Rebellenmiliz Jaysh al-Islam (Armee des Islam) im Damaszener Vorort Douma vier bekannte syrische MenschenrechtsaktivistInnen verschwinden. Eine von ihnen, die Anwältin Razan Zaitouneh, war eine enge Partnerin von Adopt a Revolution. Eine andere, die Verlegerin Samira al-Khalil, war mit dem syrischen Autor Yassin al-Haj Saleh verheiratet. Seit Jahren recherchiert Saleh in dem Fall und versucht, sich Klarheit zu verschaffen. Als das Assad-Regime im April Douma zurückeroberte, von den Verschwundenen jedoch weiterhin jede Spur fehlte, reiste Saleh in die Türkei, um dort unter den vertriebenen Einwohner Doumas nach Antworten zu suchen. Dies ist sein Bericht.

Im Lauf dieses Jahres, irgendwann zwischen Sommer und Herbst, verbrachte ich mehrere Monate in der Türkei, um im Fall der Aktivisten Samira al-Khalil, Razan Zaitouneh, Wael Hamade und Nazem Hammadi, den so genannten „Douma 4“, zu recherchieren. Sie waren im Dezember 2013 in Douma, östlich von Damaskus, entführt worden. Seitdem sind sie verschwunden. Mein Ziel war, möglichst viele der Menschen zu befragen, die im Frühjahr gewaltsam aus Douma und Ost-Ghouta vertrieben wurden. Eigentlich hatte ich auch beabsichtigt, in das von türkischen Streitkräften in Nordsyrien kontrollierte Gebiet zu reisen, um dort weitere Vertriebene zu treffen, darunter Freunde von mir. Doch das war unmöglich aus Gründen, über die ich zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal schreiben werde.

Dennoch: Ich traf mich mit etwa zwanzig Vertriebenen und sammelte auch Informationen von Personen, die ich nicht persönlich treffen konnte. Hier meine Zusammenfassung dessen, was ich über das Verbrechen an den „Douma 4“ in Erfahrung bringen konnte.

Samira al-Khalil, Nazem Hammadi, Wael Hamade und Razan Zaitouneh (von oben nach unten)

Viele haben noch immer Angst vor Jaysh al-Islam

Unter den Befragten war keiner, der nicht bezeugen würde, dass Jaysh al-Islam verantwortlich für das Verschwinden der Aktivisten ist, darunter auch Personen, die früher einflussreiche Positionen in der Organisation innehatten. Tatsächlich gibt es auch keine realistische Alternative dazu. Es scheint vielmehr, als dass die Miliz aus diesem Verbrechen in ihrem engeren Umfeld nie einen Hehl gemacht hätte. Ich selbst hatte an ihrer Verantwortung nie gezweifelt. Sollte es jedoch noch jemanden geben, der sich in der Sache unsicher ist, so kann er die Angelegenheit selbst untersuchen – das ist heute nicht mehr schwierig.

Jedoch konnte ich keine schlüssigen Informationen über den Verbleib der Verschwundenen erhalten. Ich musste mir die schlimmsten Hypothesen und Möglichkeiten anhören. Einige sprachen von einer Hinrichtung, von der manche meinten, sie wäre schon kurz nach der Entführung geschehen. Anderen Stimmen zufolge waren einige der vier Aktivisten noch bis Februar dieses Jahres in den Gefängnissen der Jaysh al-Islam. Einige hielten es für wahrscheinlich, dass sie dem Assad-Regime übergeben wurden, doch gibt es dafür keine Beweise. Ich hoffe, ich verleugne nicht, wenn ich behaupte, dass das Worst-Case-Szenario nicht unbedingt eingetreten sein muss.

Die Anführer der Gruppe machen in der Türkei Millionengeschäfte

Viele der kürzlich Vertriebenen fürchten Jaysh al-Islam weiter. Sie erzählen von der Grausamkeit der Miliz, ihrer Kriminalität und ihrer Macht, anderen Leid zuzufügen. Manche wollen aus Angst vor Vergeltung selbst in der Türkei nicht über den Fall der vier Verschwundenen sprechen – oder tun es nur, wenn man ihre Sicherheit gewährleisten kann.

Inzwischen konnte ich mir ein klareres Bild von der Struktur Jaysh al-Islams machen. Die „Armee des Islams“ ist aufgeteilt in vier Bereiche: Sicherheits-, Scharia-, Verwaltungs- und Finanzapparat. Im Kern ist die Organisation zum einen Teil auf Religion aufgebaut, zum anderen Teil geheimdienstlich organisiert, wobei die Religion eine gemeinsame Sprache herstellt und zur Rechtfertigung von Bedrohungen, Korruption, Folter, Vergewaltigung bis hin zum Mord dient. In Istanbul und anderen türkischen Städten sind Anführer der Gruppe an diversen privatwirtschaftlichen Unternehmen beteiligt. Dabei geht es um Millionen von Dollar, und die Führer der Organisation können sich frei zwischen Nordsyrien und der Türkei hin und her bewegen.

In Teilen Nordsyriens hat Jaysh al-Islam Land im Wert von mehreren Millionen Dollar erworben und bieten ihre Dienste als Söldnertruppe der Türkei an. Und so scheint es, als hielten die türkischen Behörden sie für eine nützliche Karte im syrischen Machtkampf, die sie eines Tages ausspielen können. Solche Verbindungen machen es jedoch schwierig, die Verbrechen der Jaysh al-Islam aufzuklären. Dabei sind die Täter einfach zu benennen, die Führungsstruktur des militärischen, religiösen und politischen Arms der Organisation ist bekannt. Jede ernsthafte Untersuchung könnte die Wahrheit über den Verbleib von Samira, Razan, Wael und Nazem aufdecken – ohne nennenswerte Schwierigkeiten.

Assadismus in langbärtiger Form

Die Organisation ist in ihrer Zusammensetzung zutiefst kriminell und korrupt. Nach außen hin erscheint sie als streng religiöse Gruppe, die in den Alltag der Menschen eingreift und der von ihr kontrollierten Gemeinschaft ein strenges Regiment auferlegt, insbesondere in Douma. In ihren höchsten Kreisen gleicht Jaysh al-Islam jedoch einer degenerierten religiösen Bande von verkommener Moral und großer Grausamkeit. Sie ist zutiefst korrumpiert und besessen von Geld und Sex. Ihre Führung lebte im Luxus während die Menschen von Douma und Ghouta hungerten. Hinzu kommt, dass die Mitglieder der Gruppe auch gegeneinander intrigierten. Es herrschte tiefes Misstrauen, und so sammelten sie Material gegen die jeweils anderen, etwa schmutzige Videos.

Es scheint, als ob ein großer Teil derjenigen Einwohner Doumas, die nach der Rückeroberung der Stadt durch Assads Truppen dort geblieben sind, das nur machen, um die Herrschaft der Jaysh al-Islam loszuwerden — auch wenn das bedeutet, wieder unter dem Stiefel des Regimes zu leben.

Abschließend möchte ich festzuhalten: Der Fall der Verschundenen Samira, Razan, Wael und Nazem ist nicht abgeschlossen, bis nicht alle Fragen aufgeklärt sind und die verantwortlichen Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden. Syrien mag zu einem Paradies für ungesühnte Verbrechen geworden sein, in dem Kriminelle von Kriminellen geschützt werden. Wie müssen uns aber trotzdem weiter für die Aufdeckung der Verbrechen Jaysh al-Islams einsetzen, denn das erhöht die Chancen auf Gerechtigkeit im Fall der Verbrechen anderer Kriegsparteien. Die Detailkenntnis, die wir über diese gleichermaßen eifernde wie degenerierte Bande erhalten konnten, wird von großem Nutzen sein, wenn wir uns eine Welt vergleichbarer Fälle ansehen, in denen der Assadismus in langbärtiger Form fortbesteht.

Yassin al-Haj Saleh ist ein syrischer Autor, ehemaliger politischer Gefangener und Mitbegründer des Onlinemagazins al-Jumhuriya. Sein aktuelles Buch heißt „The Impossible Revolution“. Dieser Artikel erschien zuerst in al-Jumhuriya und wurde hier mit freundlicher Genehmigung des Autors ins Deutsche übertragen.