Maarat al-Numan: Eine Kleinstadt in Idlib lässt sich nicht unterkriegen

Immer stärker weitet die extremistische Allianz Hai’at Tahrir al-Sham ihre Kontrolle in der Provinz Idlib aus. Die Kleinstadt Maarat al-Numan widersteht ihnen schon seit Jahren.

Es beginnt mit einem Mord. Am 8. Juni berichtet der Propagandaarm der al-Qaida-nahen Allianz Hai’at Tahrir al-Sham (HTS), dass man am Vortag die Leiche des Vaters eines ihrer Kommandanten gefunden habe. Die angeblichen Täter benennt man sogleich: Drei Männer aus Maarat al-Numan, einer Kleinstadt im Zentrum des Gouvernements Idlib, sollen verantwortlich sein. Noch am Tag der Veröffentlichung stürmen Kämpfer des Dschihadistenbündnisses die Stadt und nehmen Quartiere der Freien Syrischen Armee FSA ein, die sie der Komplizenschaft bei dem Mord beschuldigen. Tatsächlich lässt sich nichts von dem, was HTS behauptet, auch belegen. Für sie ist es eine Gelegenheit, die eigene Macht in einer Stadt auszuweiten, die ihr seit über zwei Jahren schon ein Dorn im Auge ist, sowie eine missliebige FSA-Einheit zu zerschlagen, die bislang dem Druck widerstand, sich der Allianz anzuschließen. „Maarat al-Numan liegt außerhalb ihrer Kontrolle und das stört sie“, sagt der im Ort ansässige Aktivist Ahmad*. „Das Gericht, unser Lokaler Rat, die Polizeistation – sie kontrollieren nichts davon.“

Protest gegen Assad und die Nusra-Front, März 2016
Protest gegen die Nusra-Front, Juni 2016
Protest gegen Hai'at Tahrir al-Sham, Februar 2017

Jahrelanger Widerstand
Maarat al-Numan hat eine lange Geschichte des Widerstandes gegen die Dschihadisten der al-Nusra-Front, welche die führende Miliz innerhalb der HTS ist. 2016 demonstrierte man in der Stadt mehr als 100 Tage in Folge gegen die Fundamentalisten und ihre Willkürherrschaft über große Teile des umliegenden Gouvernements und forderten die Freilassung politischer Gefangener. Im Frühjahr 2017 kam es zuletzt zu Zusammenstößen zwischen der lokalen FSA und der HTS, ebenso wie in diversen anderen Städten, darunter auch Atareb in der Provinz Aleppo. Aktivisten organisierten damals landesweite Proteste unter dem Motto „Kein Platz für al-Qaida in Syrien“.

Der Angriff der HTS auf Maarat al-Numan beginnt kurz nach Beginn des Iftars, dem Abendmahl während des Fastenmonats Ramadan, an dem die Straßen wie ausgestorben sind. Deswegen gelingt es den Dschihadisten rasch Straßen, sowie FSA-Quartiere zu erstürmen. „Sie haben über die ganze Stadt verteilt Checkpoints errichtet und jeden verhaftet, der etwa eine Revolutionsflagge trug”, erzählt Bilal, ein lokaler Medienaktivist. Mehrere Menschen werden festgenommen oder ermordet. Unter ihnen der Chef der lokalen Polizei. „Er war noch nicht einmal Mitglied der FSA“, stellt Ahmed klar. Das unterstreiche auch, dass es HTS um mehr gehe, als nur die lokalen Rebellen und den Mord. Auch eine Moschee besetzen die Dschihadisten an diesem Tag. „Diese Moschee war dafür bekannt, dass sich die Leute dort für Proteste organisierten, auch für jene gegen die Nusra-Front“, erklärt Ahmed. Um solchen Widerstand zu unterdrücken hätten die Kämpfer sie besetzt. Ein Vorgehen, das an das Assad-Regime erinnere, wie der Aktivist bemerkt. Auch Bilal zieht diese Parallele: Ihr gesamter modus operandi habe dem des Assad-Regimes zum Verwechseln ähnlich gesehen.

„Das Volk ist die stärkste Fraktion“
Am Freitag umringen wütende Demonstranten die besetzte Moschee. Menschen drängen sich gegen die eisernen Tore, hinter denen die Dschihadisten vermummt und bewaffnet stehen. „Shabiha! Shabiha!“, rufen die Leute. Das arabische Wort für „Gespenster“ bezeichnet in Syrien eigentlich mafiöse Assad-treue Milizionäre, die zu Beginn des Aufstandes mit äußerster Brutalität gegen Oppositionelle vorgegangen waren. Bilal filmt diesen Protest. „Die HTS-Mitglieder haben versucht den Leuten die Telefone und Kameras zu entreißen, um etwaige Aufnahmen zu verhindern“, erzählt er. „Sie begannen dann in die Luft zu schießen. Doch die Leute ließen sich nicht vertreiben, dann nahmen sie weitere fest, bedrohten uns Medienaktivisten mit dem Tod.“ Später schießen die Dschihadisten auch in die Menge. Auch Aktivisten aus dem Umland, die versuchen die Proteste zu erreichen, berichten davon, dass die HTS an Checkpoints ebenfalls das Feuer eröffnet habe.

Protest gegen Hai’at Tahrir al-Sham, Juni 2017

Frauen sprühen den Namen des HTS-Anführers Abu Muhammad al-Jolani auf einen Mülleimer

Doch die Proteste, die teils auch gewalttätig geworden seien, hätten sie unter Druck gesetzt, sagt Ahmed. Eine der Parolen der Demonstranten: „Das Volk ist die stärkste Fraktion“.
Verhandlungen der lokalen Rebelleneinheiten mit der HTS führen zu Konzessionen an die Radikalen, die vielen in der Stadt zu weit gehen. Nach zwei Tagen heftiger Proteste kommt es zu weiteren Verhandlungen zwischen HTS und lokalen Autoritäten, in deren Rahmen die Fundamentalisten einem Abzug aus der Stadt zustimmen.

„Unser Wille zum Leben ist ungebrochen“
„Schon kurz nach diesem Angriff kehrte das Leben zurück in die Stadt. Nach sechs Jahren unter diesen Bedingungen, in diesem Krieg, ist unser Wille zum Leben ungebrochen“, sagt Ahmed. Bilal meint: „Unsere Leute haben bewiesen, dass sie angesichts von Ungerechtigkeit nicht schweigen.“ Er glaubt nicht, dass es so schnell wieder zu einem Übergriff auf Maarat al-Numan kommt. Zumindest hofft er das. Und er hofft auf Gerechtigkeit, denn letztes Jahr wurden zwei seiner Cousins von den Radikalen getötet und ein anderer während dieser vier turbulenten Tage im Juni.

In den Wochen nach den Protesten kommt es immer wieder zu Festnahmen an HTS-Checkpoints außerhalb der Stadt. 15 bis 20 Personen werden wegen fadenscheiniger Anklagen wie dem „Abfall vom Glauben“ vorübergehend inhaftiert.

„Sie sind völlig destruktiv, wenn es um die Gesellschaft geht. Selbst wenn sie sich von al-Qaida distanziert haben vertreten viele ihrer Mitglieder doch dieses Gedankengut“, sagt Ahmed. „Deswegen denken wir nicht dass ihnen irgendeine Rolle beim Aufbau eines neuen Staates zukommen sollte – wozu sie ja auch gar nicht fähig wären. Fraktionen wie die Nusra und andere derart fremde Milizen werden ihren Niedergang erleben, weil der Islam in Syrien einer ist, der persönliche Freiheiten und Kritik zulässt.“

* Alle Namen geändert