Leben unter Hai’at Tahrir al-Sham

Dschihadisten der al-Qaida-nahen Miliz „HTS“ (Hai’at Tahrir al-Sham) haben große Teile Idlibs und des Umlands von Aleppo unter ihre Kontrolle gebracht. Für die Bevölkerung ist das katastrophal. Wir sind in Kontakt mit vielen Menschen in Idlib, die uns tagtäglich von ihrem Leben unter HTS berichten.

Der Einmarsch der HTS hat direkte und indirekte Konsequenzen: KritikerInnen der Miliz müssen Repressionen fürchten, insbesondere Frauen droht forcierte Unterdrückung. Mittel oder Langfristig erhöht die HTS-Herrschaft die Gefahr, dass das Assad-Regime und Russland unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung eine Offensive gegen die Region starten – und wie in den bisherigen Regime-Offensiven wieder gnadenlos ZivilistInnen bombardieren.

Aktuell verschlechtert sich vor allem die humanitäre Situation, da Hilfen internationaler Geldgeber wegfallen. Sie fürchten, dass ihre Gelder zur Stabilisierung von HTS beitragen könnten. Dabei kann auch das Gegenteil der Fall sein – wenn alle Strukturen zur Unterstützung der Zivilbevölkerung zusammenbrechen, könnte dies HTS auch helfen, um sich als „rettende Kraft“ zu inszenieren.

Nivin*, die sich in einer von HTS eingenommen Stadt schon seit Jahren für Frauenrechte einsetzt, berichtet uns:

„HTS plant ein Gesetz, dass es verheirateten Mädchen verbietet, in die Schule zu gehen. Das ist eine Katastrophe. Kinderehen sind hier verbreitet, viele Familien verheiraten ihre Töchter aus wirtschaftlicher Not. Das Gesetz wird dazu führen, dass die Opfer von Kinderehen zusätzlich bestraft und isoliert werden: Wenn sie in die Schule gehen, gibt es zumindest die Chance, die Mädchen aufzuklären und zu betreuen. Wird ihnen der Schulbesuch verboten, wird ihre Situation noch auswegloser. Wir wollen versuchen, die von HTS eingesetzte „Regierung“ dazu zu bringen, sich der Diskussion zu stellen. Das Problem ist, dass HTS das ausnutzen könnte, um sich als gesprächsbereit und moderat zu inszenieren, ohne etwas zu ändern. Die Situation ist schwierig, aber wir geben nicht auf.“




Faris* berichtet aus Atareb – einer Stadt, die sich seit Jahren gegen HTS wehrt, aber jetzt dennoch eingenommen wurde:

Aus Atareb berichtet uns Faris über die Situation in der Stadt unter HTS.


Wann hat HTS Atareb eingenommen? Was hat sich seitdem verändert?

Es hat sich vieles geändert – die Region hier ist seit acht Jahren vom Regime befreit, jetzt ist sie faktisch unter Besatzung – HTS übernimmt alles: Von der zivilen Verwaltung über die Freie Polizei, die kommunale Bäckerei, die Mühle sowie die Checkpoints der Stadt und auch das Gericht.

Einige Aktivisten sind vor HTS geflohen. Du hast auch immer an den Demonstrationen teilgenommen – warum hast du dennoch beschlossen, zu bleiben?

Wenn alle weggehen, wer bleibt dann, um sich gegen HTS zu stellen? Und was habe ich schon gemacht? Ich habe meine Meinung ausgedrückt, dass ich sie ablehne und die Revolution unterstütze. Wenn wir uns gegen das Regime Al-Assads gestellt haben – ein Regime, dass Fassbomben, Flugzeuge und Panzer einsetzt -, was ist HTS schon dagegen? Trotz aller Unterdrückung werden wir früher pder später trotzdem gegen die Besatzung der Stadt protestieren.

Was passiert jetzt mit der zivilen Selbstverwaltung Eurer Stadt?

Die Polizei der kommunalen Verwaltung hat abgelehnt, innerhalb der Polizeiorgane der HTS weiterzuarbeiten, HTS hat das Polizeirevier übernommen. Der Lokale Rat hat ebenfalls abgelehnt, sich HTS unterzuordnen. Heute ist eine bewaffnete Einheit von HTS in den Sitz des Lokalen Rats eingedrungen und hat die Mitglieder und die Angestellten des Rats gezwungen, das Gebäude zu verlassen. Nachdem HTS die militärische Kontrolle übernommen hat, will sie nun mit ihrer „Rettungsregierung“ auch die zivile Kontrolle übernehmen.

Versucht HTS durch die Übernahme der zivilen Verwaltung die Unterstützung der Bevölkerung zu bekommen? Funktioniert das?

Weil sich die „Rettungsregierung“ mit der Waffengewalt von HTS aufdrängt, ist das eine Besatzung und keine Regierung, die die Bevölkerung repräsentiert. Für die Bevölkerung hat sie zunächst auch große Probleme geschaffen – viele zivilen Organisationen haben ihre Arbeit eingestellt, sei es aus Protest, oder weil sie keine internationalen Hilfen mehr erhalten aufgrund der HTS-Herrschaft. Dadurch werden viele Menschen arbeitslos oder verlieren dringend benötigte Hilfe. Das Problem daran: Mittel- und Langfristig wird das zum Vorteil von HTS sein. Ein großer Teil der Menschen ist von humanitärer Hilfe abhängig – und außer der „Rettungsregierung“ gibt es dann niemanden mehr, an den sie sich wenden können. Wenn die Leute also keine anderen Quellen mehr für ihren Lebensunterhalt haben, dann werden sie wohl mit HTS zusammenarbeiten müssen – oder fliehen.

Hast du Hoffnung, dass es Widerstand geben wird gegen HTS?

Die Übernahme der Stadt steht ja noch am Anfang. Alles wird nur durch Waffengewalt geregelt und durch Macht. Die HTS-Herrschaft wird sicher viel Zorn erregen, weil sie den Leuten nichts anzubieten hat. Dementsprechend wird es sicher in den nächsten Tagen Bewegungen gegen sie geben. Ich denke, wer es gewagt hat, gegen das Assad-Regime zu demonstrieren, wird nicht halt vor HTS machen, die nur ein Bruchteil der Macht des Asad-Regimes hat. Als HTS mit ihren Militärkolonnen in die Stadt gekommen ist, haben sie versucht, die Flagge der Revolution am südlichen Stadteingang zu entfernen – dagegen gab es Proteste, meines Wissen nach hängt die Flagge dort noch.



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Mustafa*, der ehrenamtlich in einem Hilfsprojekt arbeitet, berichtet aus Idlib:

Wie hat sich die humanitäre Situation in den letzten Wochen entwickelt?

Da Idlib jetzt komplett unter Kontrolle von HTS ist, wurde die internationale Hilfe eingestellt. Mit der Begründung, internationale Organisationen könnten ja nicht den Terrorismus unterstützen. Die medizinischen Einrichtungen, die das betrifft, arbeiten jetzt vorerst ehrenamtlich weiter. Wer es sich nicht leisten kann, ohne Bezahlung zu arbeiten, wird gehen. Momentan gibt es wohl noch Rserven, um zumindest laufende Kosten decken zu können – aber wenn die aufgebraucht sind, müssen sie die Arbeit eventuell komplett einstellen.“

Ist die Entscheidung der westlichen Akteure richtig, die Hilfen einzustellen aufgrund des Vormarschs von HTS?

Die Entscheidung ist völlig schwachsinnig und unlogisch. Hier sind 3 Millionen Menschen, die nichts dafür können, dass HTS die Region momentan kontrolliert. Viele von ihnen sind Binnenflüchtlinge, die kommen noch nicht mal aus Idlib.

Wie ist die Situation in den Flüchtlingslagern?

Die Camps sind bei den heftigen Regenfällen richtig abgesoffen, aber trotzdem verlassen die Menschen ihre Zelte nicht, weil sie sonst nirgendwohin können. In den Flüchtlingslagern werden einmal monatlich Nahrungsmittel verteilt, und manchmal Holz oder Diesel zum Heizen – aber bei weitem nicht ausreichend. Die internationale Hilfe für die Flüchtlingslager wurde noch nicht komplett eingestellt – die Wasserversorgung wird zum Beispiel weiter betrieben. Aber wir wissen von mehreren NGOs, dass sie ihre Arbeit einstellen werden und dass das grade der letzte Monat ist, in dem sie ihre Projekte noch durchführen.

Unsere Partnerprojekte in Idlib und im westlichen Umland von Aleppo arbeiten weiter, sie stehen in Opposition zu HTS. Unterstützten Sie ihre Arbeit mit einer Spende:

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*Die Namen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.