„Kein Recht wird sterben, solange es jemanden gibt, der es einfordert.“

Im dritten Interview erzählt Manal aus Amuda, warum sie weitermacht und was ihr in den letzten fünf Jahren wiederfahren ist. Wir zeigen auf der Kulturellen Landpartie im Wendland die Ausstellung „Wir bleiben trotzdem!“ SyrerInnen erzählen von 5 Jahren zivilem Aufstand. Noch bis zum 16. Mai 2016 kann die Ausstellung in Klein Witzeetze am Wunderpunkt 6 angesehen werden, die zivile AktivistInnen zu Wort kommen lässt. Für all jene, die es nicht dorthin schaffen, werden hier die vier Interview-Texte veröffentlicht.

Stell dir vor, du gehst zusammen mit deinen Kindern für demokratische Werte demonstrieren. Und plötzlich wird scharf auf Dich geschossen. Die Aktivistin Manal aus dem Frauenzentrum Kulischina erzählt von diesem Erlebnis in Amuda. In der kurdisch geprägten Stadt im Norden Syriens schlossen sich die Menschen schon in den ersten Tagen den Protesten im südlichen Daraa gegen die Assad-Diktatur an. Die Menschen dort haben bis heute nicht aufgehört, mit friedlichen Aktionen gegen Unterdrückung zu demonstrieren.

Wie heißt du, wie alt bist du, wo lebst du?
Ich heiße Manal Abdul-Wahab, bin 43 Jahre alt und komme aus Amuda, einer Stadt in der Provinz Hasaka in Syrien. Sie liegt direkt an der Grenze zur Türkei. Ich bin Englischlehrerin in der staatlichen Al-Batul Mittelschule für Mädchen.

Was bestimmt deinen Alltag?

Jeden Morgen gehe ich zur Schule. Nachmittags gehe ich ins Frauenzentrum Kulischina, das ich leite. Das Wort Kulischina ist kurdisch und bedeutet soviel wie wachsende Blumen. Wir arbeiten gemeinsam mit den Frauen aus Amuda an Bildungsprojekten zu sozialen und politischen Themen, zu Demokratie und Föderalismus oder auch an kreativen und handwerklichen Projekten. Darüber hinaus leite ich ein Projekt zur Flüchtlingshilfe in Amuda und Umgebung. Ich engagiere mich in der Partei der kurdischen Union und dokumentiere Menschenrechtsverletzungen aller Kriegsparteien.
Drei Jahre vor Beginn der Revolution versetzten mich die syrischen Behörden von meinem Wohn- und Arbeitsort Amuda in die Stadt Hasaka, 150 Kilometer von meiner Familie entfernt. Zu jener Zeit war meine Tochter drei Monate alt. Und mein Mann befand sich als politischer Gefangener in einem Gefängnis in Damaskus. Ich wurde von den Sicherheitskräften aus Hasaka und Qamishli verhört. Sie waren für die Verfolgung politischer AktivistInnen zuständig. Nach Beginn der Revolution wurde mir fünf Monate lang kein Gehalt gezahlt. All das taten sie, um mich für meine zivilen und politischen Aktivitäten zu bestrafen.

Du warst dabei als die ersten Demonstrationen der Revolution und das Massaker in Amuda stattfanden.
Was passierte damals?

Die Bewohner von Amuda schlossen sich sehr schnell dem Aufstand für Freiheit und gegen das Regime an. Wir freuten uns über die eingeforderte Freiheit. Leider nur für eine kurze Zeit. Der entscheidende Wendepunkt war für mich das Massaker in Amuda am 27. Juni 2013. An diesem schwarzen Tag demonstrierten wir friedlich für die Freilassung von verhafteten AktivistInnen. Sie hatten sich für die Revolution eingesetzt und wurden von bewaffneten Kämpfern der kurdischen „Partei der Demokratischer Union“ (PYD) verhaftet. Ich habe an diesem Tag mit eigenen Augen gesehen, wie sie mit Maschinengewehren auf uns schossen während neben mir meine vier Kinder standen. Mein Freund Aras Banko wurde getötet und Dutzende verhaftet. Am nächsten Tag wurde eine Ausgangssperre verhängt. Scharfschützen saßen auf den Dächern. Sie töteten einen alten Mann namens Ali Randa als er auf dem Weg war, Brot für seine Kinder zu kaufen. Ich kann all diese Ereignisse nicht vergessen. Denn die, die an jenem Tag auf uns schossen, waren Kurden. Ich dachte, sie wären unsere Brüder.

Was haben die Ereignisse in deinem Leben verändert? Wie gehst du mit dem Erlebten um?
Ich habe nicht aufgehört, mich nach Freiheit und einem Leben in Würde zu sehnen. Ich glaube an den Spruch: „Kein Recht wird sterben, solange es jemanden gibt, der es einfordert“. Auch weiterhin werde ich Demonstrationen organisieren – für Freiheit und dafür, dass die Tyrannen strafrechtlich verfolgt werden. Wir demonstrieren gegen die Wehrpflicht und die Rekrutierung von Minderjährigen. Und wir fordern die Freilassung der AktivistInnen, die von den Sicherheitskräften des Regimes entführt wurden.

Was brauchst du, um in Syrien bleiben zu können?

Um in Syrien bleiben zu können, brauche ich eine Heimat, in der ich mich wie ein Mensch fühle und die meine Würde schützt. Die Herausforderungen des täglichen Lebens, wie Strom- und Wasserausfall, der maßlose Anstieg der Lebensmittelpreise, die Verschlechterung des Bildungsniveaus, der katastrophale Gesundheitszustand der Menschen, die Schließung der Grundschulen und die Wehrpflicht bringen uns auf den Gedanken zu fliehen. Aber das Hauptproblem ist die Sicherheitslage, die Unruhe und die Schlaflosigkeit, mit der wir leben. Die ständigen Konflikte zwischen den bewaffneten Gruppen. In so einer Situation kann niemand mehr in Syrien bleiben.

Welche Zukunft wünscht du dir?
Ich wünsche mir ein Syrien frei von Konflikten. Ein sicheres Syrien, ein freies Syrien, ein Syrien, das die Würde des Menschen wahrt. Ich hoffe sehr, dass dieser Krieg bald endet. Dass Frieden herrscht. Ich möchte Gerechtigkeit, Demokratie, Pluralismus und Föderalismus für Syrien. Dass die Rechte aller gewahrt werden. Ich möchte ein Syrien ohne das Assad-Regime und seine Denkweise. Ich möchte ein Syrien für Menschen mit neuen Wertvorstellungen und weit weg von Assads Willkürherrschaft. Ich möchte, dass alle Geflüchteten wieder kommen. Persönlich träume ich davon, meine 14-jährige Tochter, die nach Deutschland geflüchtet ist, wieder zu umarmen!

Weiterlesen: Teil 1 | Teil 2 | Teil 4

Sie möchten die Ausstellung in Ihre Stadt holen? Sie kennen einen geeigneten Ort, der die Ausstellung präsentieren möchte? Dann schreiben Sie an info@adoptrevolution.org. Wir schicken Ihnen gerne eine Informationsbroschüre mit den Bildern und Interviews der Ausstellung zu.

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