Der Frühling beginnt in der Provinz

Der arabische Frühling erreichte Syrien erst Mitte März, als in Tunesien Ben Ali bereits aus dem Land verjagt war, in Ägypten Mubarak längst unter Hausarrest stand, im Jemen Hundertausende für die Freiheit demonstrierten und in Libyen die Rebellen schon angefangen hatten, sich zu koordinieren. Seinen Anfang nahm der syrische Frühling in Daraa, einer kleinen Stadt im Süden des Landes. Dort demonstrierten am 15. März vor dem lokalen Gouverneurssitz Familien und Eltern für die sofortige Freilassung ihrer Kinder, die seit einigen Tagen auf Grund von regimekritischen Graffiti im Gefängnis saßen und gefoltert wurden.

Doch anstatt die Kinder gehen zu lassen, entschied sich der Gouverneur die demonstrierende Menge mit dem Einsatz von Schusswaffen zerstreuen zu lassen – zahlreiche Menschen starben. Aber die Gewalt schreckte nicht ab, denn statt weniger kamen in den nächsten Tagen immer mehr Menschen, um gegen das Regime zu demonstrieren. Waren es anfangs ein paar hundert, wurden es binnen Tagen Tausende, die friedlich gegen das Regime demonstrierten.

Als die Angst die Seiten wechselte


Inspiriert von den Umbrüchen in anderen Staaten der arabischen Welt und motiviert von den Ereignissen in Daraa, gehen seitdem im ganzen Land Menschen auf die Straßen, um für ihre Freiheit und ihre Rechte zu demonstrieren. In vielen Dörfern und Städten versammelten sich täglich zusammengenommen Zehntausende, um gegen das brutale Assad-Regime zu protestieren. Trauten sich früher die Leute aus Angst vor dem Regime kaum, überhaupt Kritik zu äußern, so wechselte die Angst jetzt die Seiten: Das Regime fürchtete sich vor seiner Bevölkerung.

Brutale Repression friedlicher Proteste

Von Beginn an ging die Assad-Diktatur mit äußerster Brutalität gegen die friedlichen Proteste vor. Nach UN-Angaben sind seit Mitte März 2011 fast 80.000 Menschen ums Leben gekommen, mindestens 190.000 wurden verhaftet, viele davon gefoltert. Es ist erstaunlich und beeindruckend, dass die Proteste in ihrer Breite angesichts der frühen Repression lange Zeit friedlich verliefen. Das ist insbesondere ein Verdienst der lokalen Bürgerkomitees, die sich zu Beginn des Aufstands in nahezu jeder syrischen Stadt gründeten.

Erst nach Monaten der brutalen Unterdrückung der Proteste führte die Gewalt zu Gegengewalt. Zunächst begannen Soldaten der Armee zu desertieren, weil sie dem Schießbefehl auf die eigene Bevölkerung nicht länger nachkommen wollten. Sie wechselten die Seiten und versuchten – bedroht von der Todesstrafe mit der Fahnenflucht geahndet wird -, die Proteste vor Angriffen zu schützen. Sie waren der Nukleus der „Freien Syrischen Armee“ (FSA). Der Name ist eher ein Sammelbegriff für verschiedene bewaffnete Kräfte, die aber häufig wenig koordiniert und organisiert vorgehen. Einige der Gruppen gehen längst mit eigenen Aktionen und Angriffen gegen die Armee des Regimes und mitunter auch Gegner in der Opposition vor.

Parallel zum Einsatz immer schwererer Waffen seitens des Regimes (der Einsatz von ballistischen Raketen auf Wohngebiete und – bislang unbestätigte – Berichte vom Einsatz chemischer Waffen sind die letzte Eskalationsstufe) wurde Syrien auch zum Kampfgebiet islamistischer Kämpfer, die teilweise aus dem Ausland gekommen sind. Trotz dieser Eskalation halten die Komitees an zivilem Protest, der Koordination von dringend benötigter humanitärer Hilfe und der Dokumentation von Menschenrechtsverbrechen fest.

Zuletzt aktualisiert: 22.4.2013