Ghouta Update #5 | 29 Kranke gegen 29 Inhaftierte: Zynische Deals mit Menschenleben

Monatelang hatten sich die Verhandlungen hingezogen – nun wurde endlich mit der Evakuierung medizinischer Notfälle aus dem belagerten Ost-Ghouta begonnen. Doch nur ein Bruchteil der Betroffenen erhält die dringend benötigte Hilfe.

Am zweiten Weihnachtstag begann in Ost-Ghouta die Evakuierung von 29 PatientInnen aus der besetzten Enklave ins unweite Damaskus. Diese Menschen – darunter 18 Frauen und vier Kinder – leiden unter chronischen Herz- und Nierenerkrankungen oder Krebs und benötigen dringende medizinische Behandlungen, für die im seit Jahren belagerten und bombardierten Ost-Ghouta die Spezialisten und Ressourcen fehlen. Der Deal macht weltweit Schlagzeilen. Währenddessen nehmen die Bombardements der Region kein Ende und auch die lokalen aufständischen Milizen gehen weiter brutal gegen die Zivilbevölkerung vor.

Kranke Kinder als Geiseln

Die 29 evakuierten PatientInnen stellen nur einen Bruchteil der 642 Fälle dar, die laut Angaben von Hilfsorganisationen dringend aus dem besetzten Ost-Ghouta evakuiert werden müssten. Mindestens 17 PatientInnen waren in diesem Jahr aufgrund der fehlenden medizinischen Versorgung bereits gestorben. Von der Liste der 29, die in Zusammenarbeit von Syrian American Medical Society (SAMS), lokalen Ärzten, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UNOCHA) bestimmt wurde, wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt 19 evakuiert. Eins der Kinder, ein sechs Monate altes Mädchen, war einige Tage zuvor gestorben – aufgrund der fehlenden Strom- und Telefonversorgung hatten ihre Eltern den Tod nicht melden können. Neun weitere PatientInnen verweigerten die Evakuierung – die UN konnte ihnen nicht garantieren, dass sie bei ihrer Ankunft im vom Regime kontrollierten Damaskus nicht festgenommen würden. 19 von 29 von 642: diese Reihe spricht Bände über die medizinische Versorgung in den östlichen Damaszener Vororten, in denen mindestens 400.000 Menschen einer seit 2013 währenden Belagerung ausgesetzt sind, die sich seit Sommer dieses Jahres noch einmal deutlich verschärft hat.

Wie alles in Syrien hat auch die Evakuierung von 29 Menschen in Lebensgefahr einen Preis: Denn das Regime stimmte ihr nur im Gegenzug für die Entlassung von 29 dem Regime angehörigen und von Jaysh al-Islam, der größten islamistischen Miliz Ost-Ghoutas, inhaftierten Gefangenen zu. Der für humanitäre Fragen in Syrien zuständige UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland kritisierte den Deal daher scharf: „Es ist kein gutes Abkommen, wenn kranke Kinder gegen Inhaftierte eingetauscht werden, denn das heißt, dass Kinder zu Druckmitteln in einem Machtkampf werden.” Trotz seiner Kritik bleibt es seitens der UN bei Lippenbekenntnissen. Dass sie den Evakuierten keine Sicherheitsgarantien zusichern kann zeigt dass sie sich, wie im gesamten Syrienkrieg, die Bedingungen ihrer humanitären Hilfe von Assad diktieren lässt – und so erpressbar wird.

107 Ärzte für 400.000 Menschen

Für die meisten der medizinischer Versorgung bedürftigen Menschen in Ost-Ghouta schafft die jüngste Evakuierung keine Abhilfe. Denn den UN-Konvois, Helfern und Ärzten, die zur Evakuierung Einlass in die Enklave erhielten, war untersagt worden, medizinische Hilfsgüter für die verbleibenden Kranken und tagtäglich durch Luftangriffe und Artilleriefeuer Verletzten einzuführen. Auch den wenigen UN-Hilfskonvois, die Ghouta 2017 erreichen durften, war es verboten, Medikamente und andere medizinische Geräte mit sich zu führen. Dies sei der Angst geschuldet, dass die Güter zur Versorgung verletzter Oppositionskämpfer verwendet werden, so der Aktivist Artino gegenüber Adopt a Revolution.

Die medizinische Versorgungslage wird immer schlechter: „In Ghouta gibt es zur Versorgung von 400.000 Menschen, darunter 130.000 Kinder, nur noch 107 Ärzte. Medizinische Güter sind sehr rar,” erklärte SAMS-Präsident Dr. Ahmad Tarakji. Der letzte in Ost-Ghouta praktizierende Frauenarzt kam im letzten Jahr ums Leben. Wie so oft ist die medizinische Versorgung in Ost-Ghouta nicht nur durch die „starve or surrender“-Taktik des Regimes beeinträchtigt, sondern auch durch den Fanatismus der in Ost-Ghouta operierenden islamistischen Milizen. So wurde eine Kinderkrankenschwester in Douma in der vergangenen Woche von Jaysh al-Islam festgenommen. Der absurde Vorwurf: Sie habe Hexerei praktiziert und Kinder vergiftet.

Evakuierungen als Feigenblatt

Die größten in Ghouta operierenden islamistischen Milizen – Jaysh al-Islam und Faylaq al-Rahman – haben bis auf Weiteres einen modus vivendi mit Assad und seinen Verbündeten gefunden. Und während die meiste Aufmerksamkeit der humanitären Lage in Ost-Ghouta zukommt, gehen sie mit aller Härte gegen die Zivilbevölkerung vor. Der Aktivist Anas al-Khole, der aus dem Gebiet Jaysh al-Islams geflohen war, nachdem er diese kritisiert hatte, wurde nun von Faylaq al-Rahman aus demselben Grund inhaftiert. Beide Gruppen versuchen derweil den gemeinsamen Rivalen Hai’at Tahrir al-Sham auszuschalten: Die etwa 200 verbleibenden Kämpfer des syrischen al-Qaida-Franchises sollen nach Verhandlungen von Jaysh al-Islam und Faylaq al-Rahman mit russischen Unterhändlern über den Wafideen-Checkpoint nach Idlib verfrachtet werden.

Die jüngsten Evakuierungen könnten Assad und seinen Verbündeten als Feigenblatt dienen: Während sie sich mit humanitären Zugeständnissen rühmen und mit den größten verbleibenden Rebellenmilizen kooperieren, sind die meisten Bewohner Ost-Ghoutas weiter Bombardierungen, Hunger und Repressionen ausgesetzt – und der großen Mehrheit der medizinischen Notfälle wird weiter jegliche Versorgung verweigert. Das neue Jahr hält dementsprechend kaum positive Aussichten für die Bewohner Ost-Ghoutas bereit. Und so kämpfen sie weiter um das tägliche Überleben und gegen die vielen Repressalien.

Eva Tepest

Vor einigen Tagen jährte sich die Rückeroberung Aleppos durch das Assad-Regime – vor einem Jahr hatten wir gehofft, dass sich ein ähnliches Szenario aus Bombardierungen und Hungerblockaden nicht mehr wiederholen wird. Doch es geschieht wieder. Wir wollen nicht tatenlos zusehen, wenn Menschen ausgehungert werden. Deshalb haben wir zusammen mit unseren syrischen PartnerInnen in diesem Winter eine Schulspeisung in Erbin eingerichtet. Damit die SchülerInnen regelmäßige Mahlzeiten erhalten können, brauchen wir Ihre Mithilfe – spenden Sie für dieses und andere Projekte in Ost-Ghouta!

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