Ghouta Update #1: Hungern in der Kornkammer

Die östlichen Damaszener Vororte, in denen ca. 400.000 Menschen leben, sind vollständig belagert und seit zehn Tagen schweren Luftangriffen ausgesetzt. Während die Versorgungslage sich immer weiter verschlechtert, übte Putin den Schulterschluss mit Assad und Erdogan.

Seit zehn Tagen ist Ost-Ghouta, der belagerte Vorortgürtel vor den Toren der syrischen Hauptstadt Damaskus, schweren Luftangriffen durch Regierungstruppen ausgesetzt. Humanitären Helfern vor Ort zufolge kamen dabei seit dem Beginn der Offensive am 14. November mehr als 118 Zivilisten ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Die Initiative Siege Watch, die seit 2015 die Lage in den besetzten Gebieten Syriens beobachtet, berichtet, dass dabei neben konventionellen Bomben auch geächtete Streumunition zum Einsatz kamen. Die Syrian American Medical Society (SAMS) behandelte in ihren Einrichtungen in der Enklave erneut PatientInnen, die Symptome eines Chemiewaffenangriffs aufwiesen.

Auch Partner von Adopt a Revolution von Luftangriffen betroffen

Von den Angriffen wurden auch von Adopt a Revolution unterstützte zivilgesellschaftliche Einrichtungen betroffen: Neben den Räumlichkeiten des Komitees Erbin traf es vor wenigen Tagen auch die Räumlichkeiten des Frauenzentrums in Duma. Huda, die Leiterin der Einrichtung, befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs im Gebäude und konnte erst nach mehreren Stunden mithilfe des Roten Kreuzes geborgen werden.

Ebenso fielen medizinische Einrichtungen den Bombardements zum Opfer. Drei Krankenhäuser wurden von Luftangriffen und Boden-Boden-Raketen getroffen, darunter das „Höhlen-Krankenhaus”, eine provisorische Untergrundklinik in Kafr Batna, drei White-Helmet-Mitarbeiter starben. Der vom Syrischen Roten Halbmond und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelte medizinische Evakuierungsplan, nach dem PatientInnen im kritischen Zustand in Krankenhäuser in den Provinzen Damaskus und Idlib überführt werden sollen, wird weiterhin vom Regime abgelehnt.

Ersthelfer versuchen ein Feuer in Ost-Ghouta zu löschen. Seit über einer Woche ist die Region heftiger Luftangriffe ausgesetzt

Die medizinische Versorgung steht vor dem Kollaps

Dies ist umso gravierender, da es an allen Ecken und Enden an Medikamenten und medizinischer Versorgung mangelt: Seit der Zerstörung der Tunnel, über die die Ost-Ghouta bis Mai mehr schlecht als Recht mit medizinischen Gütern und Lebensmitteln versorgt wurde, kam es nur sporadisch zu humanitären Hilfslieferungen. Bei den Kämpfen wurden diese weiter dezimiert, als ein Lebensmittellager eines Partners des United Nations World Food Programs (WFP) bei einem Luftschlag durch Assads Luftwaffe getroffen wurde. Das WFP meldet, dass die zerstörte Lebensmittelmenge zur einmonatigen Versorgung von etwa 90 Familien gereicht hätte.

Diese Bombardierung passt ins Gesamtbild: Denn die Bevölkerung der Ost-Ghouta wird systematisch ausgehungert. Einem aktuellen Report  des WFP zufolge müssen seit September ca. 174.500 Menschen in der Region of Notfallstrategien zurückgreifen. Konkret heißt das, dass sie Müll, Tierfutter und -unrat essen, Schulkinder fallen vor Hunger in Ohnmacht und Familien sind gezwungen, ihren Kindern nur an jedem zweiten Tag zu essen zu geben. Mindestens vier Menschen sind an Hunger gestorben, darunter ein Kind, das sich vor Hunger das Leben genommen hat. Der unabhängige Nachrichtendienst SYRIA:direct meldet, dass drei Kinder beim Verzehr einer „salzähnlichen Substanz” ums Leben kamen, die als vergleichsweise günstiges Tafelsalz angeboten worden, aber mit Cyanid versetzt war. Obwohl die Ost-Ghouta traditionell landwirtschaftlich geprägt ist und seit der Antike als „Kornkammer“ Damaskus’ gilt, liegt viel des fruchtbaren Landes entweder unmittelbar an der Gefechtslinie oder ist binnen der letzten Jahre unter die Kontrolle der vorrückenden syrischen Armee gefallen. Das führt dazu, dass, obwohl Damaskus nur 15 km weit weg ist, ein 700 Gramm-Brot in der Enklave bis zu 85 Mal so teuer ist wie in der Hauptstadt. Siege Watch hat für das gesamte besetzte Gebiet die höchste Alarmstufe, Tier 1, ausgerufen.

Es braucht Druck von Außen, damit die Waffenruhe eingehalten wird

Durch die militärische Unterlegenheit der verschiedenen Rebellengruppen der Ost-Ghouta verschlechtert sich die Versorgungslage weiter. Assads Armee nahm den südlichen Teil von Beit Teemah in Jabal al-Sheikh ein, einer Gegend, die mit ihrer Produktion von Wasser, Milchprodukten, Oliven und Weizen strategisch wichtig für  das besetzte Gebiet ist. Dabei hatte die Miliz Faylaq al-Rahman, ein mit der FSA zusammenhängender islamistischer Kampfverband, der syrischen Armee nichts entgegen zu setzen. Ohne entschiedenen Druck von außen, der das Regime zur Einhaltung der auf dem Papier bestehenden Waffenruhe zwingt, wird sich die Belagerung militärisch kaum brechen lassen. Die Lage spitzt sich immer weiter zu, und ähnelt zunehmend der zur Jahresende in Aleppo. Dort solidarisieren sich Aktivisten mit den Menschen in Ghouta, wie Yussuf aus Aleppo, der in einem animierten Video fordert: #BreakGhoutaSiege

Vor dem Hintergrund der Wiederaufnahme der Genfer Friedensgespräche am kommenden Dienstag und des brüderlichen Schulterschlusses von Assad mit Putin und Erdogan in Sochi forderte United Nations Sondergesandter Staffan de Mistura beim Treffen syrischer Oppositionsdelegierter in Riyad den uneingeschränkten Zugang von Hilfslieferungen in die Region. Politische Konsequenzen für Assads Vertragsbruch der Waffenruhe sind jedoch nicht absehbar.

Das Frauenzentrum in Duma unterstützt inmitten der Bombardierungen die vielen alleinstehenden Frauen dabei, ihre Familien zu ernähren und trotz der widrigen Umstände weiterhin eine Bildung zu erfahren. Unterstützen Sie die Arbeit unserer Partner vor Ort!

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