Gemeinsam gegen Bashir und Bashar - Diskussion zu Sudan und Syrien

Viele SyrerInnen beobachten die Entwicklungen im Sudan und sehen sich an die Anfänge der syrischen Revolution erinnert. Wo gibt es Ähnlichkeiten, wo Unterschiede? Darüber diskutierten am Freitag der sudanesische Aktivist Adam Bahar mit der syrischen Politikwissenschaftlerin Mariana Karkoutly und dem syrischen Filmemacher Saeed al-Batal.

Den sudanesischen Präsidenten Omar Al Bashir eint mit dem syrischen Bashar al Assad nicht nur die Namensähnlichkeit. Beide sind international geächtet. Omar Al Bashir wurde 2009 vom Internationalen Strafgerichtshof wegen der Verbrechen des sudanesischen Regimes in der Provinz Darfur verurteilt. Der Prozess gegen Bashar al Assad vor dem Gerichtshof in Den Haag steht noch aus. Anfang März haben Menschenrechtsanwälte eine erste Klage eingereicht.

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Nicht nur diese Außenseiterrolle macht Assad und Bashir zu Verbündeten. Seit einigen Jahren haben sie auch dieselbe Schutzmacht. Während Russland seit Jahrzehnten das Assad-Regie unterstützt, ist der Sudan erst jüngst zum Türöffner für Russlands neue Afrikapolitik geworden. Im Jahr 2015 unterzeichneten die beiden Länder 14 Verträge über Kooperationen – zu dem Zeitpunkt war der Sudan noch mit internationalen Sanktionen belegt. Als die USA die Sanktionen 2017 aufhoben, reiste Omar Al Bashir als erstes nach Moskau und nahm damit auch in Kauf, Saudi Arabien zu verprellen, die traditionelle Schutzmacht des Sudan.

Im vergangen Dezember unternahm Omar Al Bashir einen Besuch nach Damaskus und war damit der erste Staatschef, der sich seit Assads brutalem Vorgehen gegen die Opposition dort blicken ließ. Just am Tag als Omar Al Bashir von seinem Damaskusbesuch zurückkam, am 19. Dezember, brach im Sudan die Revolte aus.

„Wir haben gesagt: Der Typ, der einen Genozid begangen hat, geht den anderen Typen besuchen, der einen Genozid begangen hat“, fasst der sudanesische Aktivist Bahar bei der von Adopt a Revolution organisierten Diskussionsrunde im „Aquarium“ des Südblocks in Berlin-Kreuzberg den Besuch zusammen.

Die Proteste im Sudan entzündeten sich an gestiegenen Brotpreisen in der Eisenbahnerstadt Atbara und breiteten sich binnen 24 Stunden im ganzen Land aus. Als die Sicherheitskräfte brutal gegen die Demonstranten vorgingen und es die ersten Toten gab, forderten die Demonstranten auch den Sturz des Regimes. Inzwischen hat Omar Al Bashir eine neue Regierung aufgestellt und den Notstand ausgerufen. Aber die Menschen demonstrieren weiter.

Starke Rolle der Gewerkschafts- und Frauenrechtsbewegung

Dabei können sich die Proteste auf eine starke Gewerkschaftsbewegung stützen. „Der große Unterschied zwischen Syrien und Sudan ist, dass das syrische Regime es geschafft hatte, die Zivilgesellschaft komplett zu zerstören“, analysiert Saeed Al-Batal, der vor seiner Flucht aus Syrien im von der syrischen Opposition gehaltenen Ost-Ghouta lebte. Im Gegensatz zum vorrevolutionären Syrien gäbe es im Sudan hingegen schon lange eine lebendige Zivilgesellschaft.

Das kann Bahar bestätgen: Die Gewerkschaft Sudanese Professional Association (SPA), die hinter den Protesten stehe, sei zwar verboten, aber im Untergrund immer stark geblieben. Zudem sei der Protest stark von Frauenrechtsorganisationen getragen. „Die Frauen haben den Männern viel voraus, denn sie organisieren seit Jahren den Widerstand gegen die islamischen Kleidungsvorschriften.“

Der Sudan hat ein islamistisches Regime. Für „unsittliche Kleidung“ erhalten Frauen Peitschenhiebe. Bis zu 50.000 Frauen werden deshalb pro Jahr verhaftet, schätzt die sudanesische Frauenrechtsorganisation „Nein zur Unterdrückung von Frauen“. Oft reicht schon das Tragen einer Hose, um bestraft zu werden.

Daher haben die Proteste auch einen deutlich anti-islamistischen Ton. „Wir wollen eine Trennung von Religion und Politik“, sagt Bahar. „Alle Menschen, die im Sudan leben, sind Sudanesen.“ Damit spielt er auf die christliche Minderheit an, die vom Regime unterdrückt wird.

Gleichgültigkeit der Weltöffentlichkeit

Mariana Karkoutly hebt die Brutalität als Gemeinsamkeit der beiden Regime hervor. Beide reagieren mit Notstandsgesetzen, Armee und Foltergefängnissen auf die Proteste.

Eine weitere Gemeinsamkeit, die die AktivistInnen der beiden Länder eint, ist das Gefühl, von der internationalen Gemeinschaft allein gelassen zu werden. Das allerdings in unterschiedlicher Weise. Karkoutly hebt den Wandel der Medienberichterstattung zu Syrien hervor: Zur Zeit der arabischen Revolutionen 2011 hätten viele Medien noch ausführlich und weitgehend positiv über die Revolution berichtet. Aber spätestens seit 2015 werde der Konflikt in Syrien rein geo-strategisch bewertet, die zivilen AktivistInnen kämen nicht mehr zu Wort, die Intention der Revolution gerate in Vergessenheit.

Die Medienberichterstattung zum Aufstand im Sudan ist noch geringer als zur Situation in Syrien. Adam Bahar glaubt, dass über den Sudan nicht berichtet werde, weil er außerhalb der Komfortzone Europas liege. „Man denkt, das sei weit weg und hätte keine Auswirkungen auf das Leben hier. Aber eines Tages wird es Auswirkungen haben.“

Chancen für Solidarität?

Wie könnte man Solidarität mit der sudanesischen Revolution üben, war eine Hauptfrage in der Diskussion mit dem Publikum. Für syrische Aktivisten liegt die Solidarität mit den Sudanesen nahe, nicht nur wegen Gemeinsamkeiten, sondern auch weil viele Syrer in den Sudan geflohen sind. „Der Sudan war das einzige Land, für das wir kein Visum brauchten“, erläutert Saeed Al-Batal.

Auch in Berlin gab es schon 20 gemeinsame Demos seit Beginn der Proteste im Dezember. Hinsichtlich der Chancen auf Solidarität von Deutschen sehen die beiden Männer auf dem Podium allerdings schwarz. „Ich mache keine Solidaritätsarbeit mit privilegierten Weißen mehr“, erklärt Bahar. „Sie üben keine Solidarität, sondern sehen es als eine Art Wohltätigkeit.“ Dieser Meinung ist auch al-Batal. Deutlich wendet er sich dagegen, den protestierenden SudanesInnen Ratschläge zu erteilen. „Die Menschen im Sudan wissen am besten, was sie tun sollten, genauso wie die Menschen in Algerien.“

Mariana Karkoutly ist hinsichtlich der Chancen, durch Solidaritätsarbeit in Deutschland etwas zu erreichen, anderer Meinung. Deutschland spiele international eine wichtige Rolle, derzeit habe das Land sogar einen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Deshalb sollten die Deutschen ihre Einflussmöglichkeiten nutzen und die eigene Regierung unter Druck zu setzen.