Menschen verlassen Ost-Ghouta - Evakuierung, Flucht oder Vertreibung?

Nach wochenlangem, heftigem Bombardement mit mindestens 1.869 getöteten ZivilistInnen seit Beginn der syrisch-russischen Offensive verlassen immer mehr Menschen die Region Ost-Ghouta. Im Zuge der jüngsten Offensive des Assad-Regimes mit russischer Unterstützung waren viele zunächst innerhalb der völlig unterversorgten, stark zerstörten Vorstädte von Damaskus geflüchtet. Doch spätestens nachdem zwei der dominanten Rebellengruppen, Ahrar al-Sham und Failaq al-Rahman, Vereinbarungen über ihren Abzug zugestimmt haben, verlassen viele der rund 400.000 BewohnerInnen die Gegend – freiwillig und unfreiwillig. Ein Überblick.

Wie viele Menschen haben Ost-Ghouta verlassen?

Die Angaben darüber, wie viele Menschen Ost-Ghouta „freiwillig“ über so genannte humanitäre Korridore verlassen haben, schwanken. Syrische Staatsmedien sprechen Stand 27. März von „über 100.000 Menschen“, das UN Büro zur Koordination von Humanitärer Hilfe (OCHA) berichtet von „über 80.000 Menschen“, von denen der Großteil in sechs zentralen Sammelstellen untergekommen seien. Die humanitäre Lage dort ist angespannt, berichtet OCHA.

Zudem sind über die Abkommen zwischen Rebellen und Armee bereits mindestens 15.000 Menschen aus Ost-Ghouta in das ebenfalls von Rebellen kontrollierte Idlib in Nordwestsyrien gebracht worden. Auch ZivilistInnen können sich mit diesen Bussen, ähnlich wie vor knapp eineinhalb Jahren in Aleppo, aus der Region bringen lassen. Insbesondere AktivistInnen, die Angst vor Verfolgung durch das Assad-Regime haben, sei es aufgrund ihrer „oppositionellen Aktivitäten“ oder weil sie auf Fahndungslisten des Regimes stehen, wählen häufig diese Option.

Unter welchen Bedingungen verlassen die Menschen Ost-Ghouta?

Wer sich aufgrund der humanitären Notlage oder dem heftigen Bombardement aus dem Weg aus Ost-Ghouta macht, tut dies ohne jede Garantien für die eigene Sicherheit. Am Ende der „humanitären Korridore“ die syrische und russische Armee während ihrer Offensive eingerichtet haben, werden Ausweise kontrolliert, wie Journalisten berichten. Auch AktivistInnen bestätigen, dass am Ende dieser Korridore die Flüchtenden getrennt werden: Frauen und Kinder, die Verwandtschaft in Damaskus haben, bekommen die Erlaubnis dorthin zu fahren. Männer im Altern zwischen 16 und 55 (andere Quellen sprechen von 16 bis 40) dagegen, werden in „Sicherheitszentren“ festgehalten. Von einem Menschenrechtsaktivisten, mit dem wir bis unmittelbar vor seinem Verlassen in regelmäßigem Austausch standen, fehlt seitdem jede Spur.

Der andere Weg, auf dem ZivilistInnen (und auch Bewaffnete) die Städte Ost-Ghoutas verlassen haben, ist über die so genannten „Evakuierungsabkommen“ (hier die Regelungen zwischen Failaq al-Rahman und dem Regime). Diese werden derzeit zwischen den Rebellengruppen und der syrischen Armee ausgehandelt, mit Russland als „Garantiemacht“. Hier von „Evakuierung“ zu sprechen, ist jedoch hanebüchen, denn letztlich haben insbesondere die ZivilistInnen nur die Wahl, in Ost-Ghouta zu bleiben, wo sie nach Abzug der Rebellengruppen unter der Herrschaft des Assad-Regimes stünden, oder aus ihren Wohnorten vertrieben zu werden. Insbesondere ZivilistInnen, die – teilweise seit Jahren – wegen oppositioneller Aktivitäten auf den Fahndungslisten des Regimes stehen (Organisieren von Demonstrationen, Dokumentation von Menschenrechts- und Kriegsverbrechen, aber auch humanitärer Hilfe), oder Angst vor Racheakten haben, nutzen lieber diese Option. Sie verlassen dann Ost-Ghouta in Bussen in Richtung der von radikalen Islamisten kontrollierten Provinz Idlib in Nordwestsyrien. Auch viele junge Männer wählen diese Möglichkeit, da ihnen sonst droht, zum Militärdienst eingezogen zu werden.

Wie laufen die „Evakuierungen“ nach Nordsyrien ab?

AktivistInnen berichten, dass der Transport in Bussen zwar lange dauert (bis zu 20 Stunden), in der Regel aber funktioniert. Zumindest, wenn der Konvoi erst einmal abgefahren ist, vorher herrscht oft großes Chaos. Einige AktivistInnen erwarten, dass sie – obwohl sie bereits am vergangenen Freitag einer „Evakuierung“ zugestimmt haben – erst sechs Tage später abfahren. Die Busse werden von syrischem Militär begleitet und fahren auch durch Gebiete, in denen das Assad-Regime seine stärkste Unterstützerbasis hat – etwa die Küstenstadt Tartous. Dort kommt es vor, dass Menschenmengen am Straßenrand stehen, die die Menschen in den Buskonvois verhöhnen.

Angekommen in der Provinz Idlib nehmen HelferInnen des staatlichen Syrischen Roten Halbmonds, aber auch oppositionelle Hilfsorganisationen wie die White Helmets die Menschen in Empfang. Die Ankömmlinge haben die Wahl, in Flüchtlingslagern unterzukommen, wo sie zumindest für einige Wochen versorgt sind, oder sich selbst zu versorgen – etwa um in andere Regionen oder sogar in die Türkei zu reisen (was Gerüchten zufolge zwischen 200 und 400 Dollar kostet). Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) beteiligt sich nicht, da diese Form der „Evakuierungen“ den international gültigen Grundsätzen der Organisation widersprechen. Insbesondere gibt es keine Garantie dafür, dass diejenigen, die sich nach Nordsyrien haben bringen lassen, jemals wieder nach Ost-Ghouta werden zurückkehren können. Viele empfinden den Vorgang daher als Vertreibung.

Was passiert mit denjenigen, die in ihren Heimatstädten Ost-Ghoutas bleiben?

Der offiziellen Verlautbarungen zufolge sollen diejenigen, die aus Ost-Ghouta geflohen sind, dorthin nach Ende der Kampfhandlungen zurückkehren können. Gleichwohl ist das – trotz gleichlautender Aussagen – im Falle anderer von „lokalen Waffenstillständen“ betroffenen Ortschaften nicht passiert. Zum Beispiel müssen Menschen aus der westlichen von Damaskus gelegenen Vorstadt Daraya noch immer in Sammelunterkünften ausharren. Dass Menschen aus Ost-Ghouta nun in „Sicherheitszentren“ untergebracht werden, deutet auf ein ähnliches Procedere für die Menschen aus Ost-Ghouta hin.

Video: Um nach der Übernahme Ost-Ghoutas durch das Assad-Regime Wasser zu bekommen, wird die Bevölkerung gezwungen, Slogans zur Unterstützung Assads zu rufen.

Während die Abkommen zwischen Rebellen und Regime vorsehen, dass die Menschen nach eigenem Willen auch unbehelligt in Ost-Ghouta bleiben können, gibt es zahlreiche Berichte über politische Drangsalierung, Festnahmen und Massaker. So zeigt das obige Video etwa, wie der Zugang zu Trinkwasser von einer lautstarken Unterstützung für Assad abhängig gemacht wird. Zudem hat es Berichten zufolge am 26. März nach Abzug der russischen Militärpolizei aus Kafr Batna ein Massaker an 23 Männern gegeben. Aus Saqba heißt es, 150 Menschen seien festgenommen, beziehungsweise verschleppt worden, mutmaßlich sollen junge Männer zur Armee zwangsverpflichtet worden sein.

Soldaten des Assad-Regimes machen Selfies mit Frauen und Kindern aus OSt-Ghouta, die zuvor von den Männern getrennt wurden. Foto via Twitter @SiegeWatch
Kämpfer des Assad-Regimes machen Selfies mit Frauen und Kindern aus Ost-Ghouta, die zuvor von den Männern getrennt wurden. Foto via Twitter @SiegeWatch

Die Stimmung unter den zivilen AktivistInnen ist zwiespältig. Auf der einen Seite sind viele erleichtert, dass sie Ost-Ghouta nach den heftigen Angriffen mit zahlreichen international geächteten Waffensystemen lebend verlassen konnten. Auf der anderen Seite betrauern viele, dass sie ihre Wohnorte, an denen sie jahrelange mit zivilen Projekte an einer Alternative zur Assad-Diktatur gebaut haben, möglicherweise für immer verlassen müssen. Vor allem sind viele von ihnen weiter großen Gefahren ausgesetzt. Den nach Idlib vertriebenen AktivistInnen drohen dort weiterhin Bombardements und unter Umständen auch Repressionen durch radikalislamistische bewaffnete Gruppen. Jenen, die in der vom Regime kontrollierten Region Damaskus blieben, droht ins Visier der Sicherheitskräfte des Assad-Regimes zu geraten, drangsaliert inhaftiert, gefoltert oder ermordet zu werden.

Adopt a Revolution hat in der Region Ost-Ghouta bis zuletzt sieben zivilgesellschaftliche Projekte unterstützt, vom Frauenzentrum über das oppositionelle Tonstudio bis zu Schulen im Untergrund. Mit den AktivistInnen dieser Projekte stehen wir in ständigem Austausch – und werden weiter verfolgen, wie es ihnen mit der Vertreibung aus Ost-Ghouta ergeht und welche Wege sie in Zukunft einschlagen.