Emanzipation am Checkpoint

Frauen kommen in der Berichterstattung über Syrien meist als Opfer vor – als Opfer des Bombenterrors, als trauernde Mütter, als Opfer der Dschihadisten. Nur in den kurdischen Gebieten wurden sie als Akteurinnen in Politik und Militär wahrgenommen. Doch auch in den anderen Regionen wandelt sich die Rolle der Frauen – langsam, aber sicher.

+++ Dieser Artikel stammt aus unserer neuen Zeitung +++

In der Theorie setzt sich das Assad-Regime für Frauenrechte ein: Präsidentengattin Asma Assad sprach oft auf Konferenzen über Gleichstellung und gratulierte medienwirksam Universitätsabsolventinnen. Die staatliche Frauenunion soll der Benachteiligung von Frauen entgegenwirken.

Huda Khaity hat vor der Revolution in der staatlichen Frauenunion gearbeitet. »Die Frauenunion hat nur in sehr begrenztem Maß mit marginalisierten Frauen gearbeitet«, sagt Huda. »Diese Arbeit war vor allem an ihrer Nützlichkeit für die Propaganda des Regimes orientiert – es sollte einfach nur nach außen gezeigt werden, dass man sich für das Frauenthema interessiert.«

Heute leitet Huda Khaity ein Frauenzentrum in Douma, einer Stadt im belagerten, von Rebellen kontrollierten Ost-Ghouta nahe Damaskus. »Die Arbeit, die ich jetzt mache, bietet den Frauen wirkliche Unterstützung und echtes Empowerment«, sagt Huda. Das Zentrum bietet etwa Alphabetisierungskurse, Computerkurse und Strick- und Nähkurse für die ärmsten der dort lebenden Frauen. Das ist wichtig, denn durch einen kleinen Verdienst können sie sich aus der größten Not befreien. Viele haben männliche Familienangehörige verloren. Viele sind Opfer von Bombardements geworden. Die Leiterin des Nähkurses sitzt im Rollstuhl, ihr Mann und ihr Sohn wurden vor ihren Augen vom Geheimdienst erschossen.

Widerstand gegen das patriarchale Familienrecht
Vor der Revolution wäre die Gründung eines Frauenzentrums wie in Douma unmöglich gewesen. »Man hätte dafür eine Genehmigung der Sicherheitsdienste gebraucht – die man natürlich nicht bekommen hätte«, sagt Houda. Auch weil dort bei Veranstaltungen politische Themen diskutiert werden: Wie kann die politische Rolle von Frauen in den befreiten Gebieten gestärkt werden?

Das Zentrum bietet auch Rechtsberatung für Frauen an – etwa wenn es um Gewalt in der Familie geht, um Scheidung oder Eigentum. Denn obwohl Ost-Ghouta militärisch unter Kontrolle islamistischer Milizen steht, werden dort zivile Angelegenheiten nach syrischem Recht verhandelt. Und die syrisch Familiengesetzgebung basiert auf islamischem Recht. Sie zementiert die in den konservativen Regionen vorherrschenden patriarchalen Vorstellungen. Scheidung ist etwa nur mit Zustimmung des Ehemannes vorgesehen. Für die Frauen in Ghouta ist rechtliche Unterstützung daher essentiell.

Auch in Beit Sahem, im südlichen Damaskus, gibt es ein Frauenzentrum. Rechtsberatung gibt es dort allerdings keine. Das würde den Frauen in Beit Sahem auch nichts nutzen, denn die rechtliche Lage in der Region ist unklar. Anders als in Ost-Ghouta wurden dort keine lokalen Räte gewählt, sondern Würdenträger eingesetzt. Die Al-Nusra-Front dominierte den Ort bis 2014.

Neue Bewegungsspielräume für Frauen
Aber Alphabetisierungs-, Näh- und Englischkurse gibt es auch hier. Und dass es in Beit Sahem seit anderthalb Jahren überhaupt ein Frauenzentrum gibt, ist in dieser extrem konservativen Region eine kleine Revolution für sich. Erst mit dem Aufstand gegen das Regime begannen die Frauen sich dort neuen Bewegungsspielraum zu erkämpfen.

Der wuchs paradoxerweise mit der Belagerung durch das Regime, denn Männer laufen seither Gefahr, an Checkpoints verhaftet zu werden. Besonders wichtige Erledigungen obliegen daher vor allem den Frauen – das stärkt ihre Position. Über diese neue Rolle wird im Frauenzentrum Beit Sahem rege diskutiert. Weil die Frauen fürchten, dass das Regime auf ihre gestärkte Position aufmerksam wird und es sie nicht mehr unbehelligt passieren lässt, setzen sie nun darauf, ihre neue gesellschaftliche Rolle innerhalb ihrer Region zu stärken – durch aktive Partizipation in der Zivilgesellschaft.

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