Ein Jahr nach dem Massaker in Schule Nr. 3

Heute vor einem Jahr starben bei einem Luftangriff mutmaßlich durch die russische Luftwaffe auf eine von Adopt a Revolution unterstützte Schule 23 Menschen, darunter 17 Kinder. Angriffe dieser Art haben in Syrien System. Umso größer ist die Gefahr, dass Opfer und Täter aus dem Blick geraten.

Mitte März 2018: In Schule Nr. 3 findet schon seit Wochen kein Regelbetrieb mehr statt. Wegen der massiven Luftangriffe Russlands und des Assad-Regimes — rund 100 ZivilistInnen werden Tag für Tag in der Region getötet — suchen die EinwohnerInnen der Stadt Erbin Schutz in Kellern und Bunkern. Das öffentliche Leben ist nahezu erstorben. Nur manchmal wagen sich Menschen nach draußen, um irgendetwas Essbares aufzutreiben – aufgrund intensiver Belagerung hungern die Menschen in den Bunkern.

Ersthelfer versuchen die Opfer des Luftangriffs auf die Schule Nr. 3 zu bergen.

In der Schule Nr. 3 glauben dutzende Frauen mit ihren Kindern Zuflucht gefunden zu haben. Schon Jahre vor der Offensive im Frühjahr 2018 hatten die Lehrerinnen und Lehrer den Betrieb in Keller verlegt, um die Kinder vor Bomben und Granaten zu schützen und so den Lehrbetrieb auch inmitten des Krieges aufrechterhalten zu können. Von Anfang an hatten sie dabei Partner in Adopt a Revolution und medico international. Doch mit etwas konnten die BildungsaktivistInnen nicht rechnen: Dass seitens des Regimes und seiner Alliierten bunkerbrechende Munition eingesetzt wird, um ZivilistInnen zu töten. Das aber geschah am 19. März 2018 gegen 19:45. Eine mutmaßlich von der russischen Luftwaffe abgefeuerte bunkerbrechende Rakete dringt durch mehrere Etagen des Hauses und explodiert im Keller inmitten der Schutzsuchenden. Dabei sterben 23 Menschen, darunter 17 Kinder.

Kaum eine Randnotiz

In den Medien ist der Angriff bestenfalls eine Randnotiz. Angriffe der syrischen und russischen Luftwaffe auf Schulen, Krankenhäuser, Wohngebiete und sonstige zivile Infrastruktur sind im Syrienkrieg so alltäglich geworden, dass ein Massaker an 17 Kindern kaum noch der Rede wert ist. So sieht die Normalisierung von Staatsterror aus. Auch deshalb muss man immer und immer wieder erwähnen, welcher Verbrechen sich das Assad-Regime und seine Alliierten schuldig gemacht haben. Was zuletzt noch große Schlagzeilen gemacht hat, waren die völkerrechtswidrigen Angriffe mit Giftgas durch das Assad-Regime. Durch Chemiewaffen starben im Laufe des Krieges etwa 1.500 ZivilistInnen – insgesamt aber forderte der Konflikt hunderttausende zivile Opfer. Die meisten von ihnen starben durch mehr oder weniger konventionelle Waffen: Gewehre, Fassbomben, Raketen.

Die Schule lange vor dem Angriff

Ebenso kann man – gerade in Zeiten, in denen jene Stimmen immer lauter werden, die die Rehabilitierung des Regimes fordern – nicht oft genug wiederholen, dass die große Mehrheit dieser Opfer keine „Kollateralschäden“ sind. Es ist schlimm genug, dass die von den USA geführte Koalition gegen den „Islamischen Staat“ zivile Opfer oft bewusst in Kauf genommen hat, um ja keine eigenen Soldaten in den Kampf schicken zu müssen. Russland, vor allem aber das Assad-Regime, haben zivile Opfer nicht „nur“ in Kauf genommen – die Zivilbevölkerung willkürlich zu bombardieren war und ist Teil ihrer Kriegsstrategie: Staatsterror, der darauf ausgerichtet ist, den Menschen in Gebieten unter Kontrolle der Aufständischen das Leben unerträglich zu machen und sie so in die Unterwerfung zu treiben.

Mindestens 1.292 Angriffe auf Schulen

So wurden zwischen 2011 und Mitte 2017 einer konservativen Schätzung zufolge mindestens 1.292 Schulen in Syrien angegriffen. Für die meisten dieser Angriffe ist das Assad-Regime verantwortlich – und leider ist es nicht schwer, noch verheerendere Angriffe aufzuzählen als jenen auf die von uns unterstützte Schule in Erbin. Am 30. April 2014 starben in einer Grundschule in Aleppo 33 Kinder durch einen Angriff der syrischen Armee. Am 26. Oktober 2016 tötete die russische Luftwaffe 22 Kinder in einer Schule in al-Haas. Am 11. Januar 2016 starben 19 Kinder bei Luftangriffen auf eine Schule in Aleppo.

In diesem Kontext sind auch die permanenten Angriffe auf medizinisches Personal zu verstehen. Allein zwischen 2011 und 2016 starben rund 782 Ärzte, Sanitäter und Krankenpfleger – 426 davon durch Luftangriffe und Artilleriebeschuss. Verantwortlich in fast allen Fällen: Das Assad-Regime und seine Verbündeten. Sowohl die UN als auch Amnesty International stellen klar, dass das Regime Krankenhäuser mit Absicht angreift.

All das bietet nur einen kleinen Einblick in den Terror, den das Regime verbreitet hat und immer noch verbreitet, etwa auch durch international geächtete Brandbomben oder ebenso geächtete weil nicht zielgerichtete Fassbomben, von denen etwa 70.000 über oppositionellem Gebiet abgeworfen wurden, oder durch seinen folternden und mordenden Geheimdienstapparat, der über hunderttausend Menschen verschwinden ließ, Zehntausende hinrichtete und dies bis heute weiter tut.

Es ist nicht „der Krieg“, der da mordet

Das unvorstellbare Ausmaß dieser Verbrechen wird durch die Nennung von Zahlen allerdings nicht deutlich: Die einzelnen Opfer verschwinden hinter den Ziffern. Auch die Täter werden oft gar nicht mehr genannt: „Der Syrienkrieg forderte bislang 200.000 zivile Todesopfer“ heißt es dann, als sei der Krieg eine Art Naturkatastrophe.

Jeder einzelne Angriff auf ZivilistInnen, wie etwa der Beschuss der Schule Nr.3 am 19. März 2018, wird allerdings von ganz konkreten Menschen verantwortet. Auch deshalb ist es wichtig, an einzelne Kriegsverbrechen wieder und wieder zu erinnern: Wenn wir Begriffe wie Menschenrechte, Kriegsverbrechen oder schlicht Gerechtigkeit künftig noch im Munde führen wollen, müssen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Sehen Sie hier eine Kurzdokumentation über die Schule Nr. 3:

Bilder der Schule vor und nach dem Angriff
Unsere Presseerklärung vom 20. März 2018