Dieser Artikel wurde von der Aktivistin & Menschenrechtlerin Razan Zaitouneh für das libanesische Nachrichtenportal NOW verfasst, kurz bevor sie am 10. Dezember zusammen mit drei KollegInnen aus ihrem Büro in Douma, Ost-Ghouta, verschleppt wurde. Zaitouneh wurde seit Monaten bedroht, weigerte sich jedoch, Syrien zu verlassen. In diesem Artikel berichtet sie über die Bemühungen der lokalen Kämpfer, die Blockade des Assad-Regimes zu durchbrechen. Seit Monaten mangelt es in Ghouta an Nahrung und Medikamenten, da keinerlei Versorgung von außen in die abgeriegelten Gebiete gelassen werden. Es häufen sich Berichte von verhungerten Kindern und in der letzten Woche erschwerte ein Wintersturm die Lage der belagerten Menschen zusätzlich.

Die mittlerweile entführte Aktivistin Razan Zaitouneh berichtet über die trügerische Hoffnung, der Belagerung von Ghouta zu entkommen

Die belagerung von Ghouta, Quelle: NOW/Facebook.

Die belagerung von Ghouta, Quelle: NOW/Facebook.

Ghouta, Provinz Damaskus – Die lange Straße ist gespickt mit Hindernissen und Minen. Glück allein bestimmt, ob eine Person die Straße sicher überquert. Diese dunkle Straße ist nur erleuchtet vom Glauben und den zerbrochenen Überresten von Träumen.

Drei Tage lang haben Neuigkeiten über die Straße alles in den Hintergrund treten lassen. Die Straße öffnete ihre Arme; daraufhin stapelten sich die Körper der jungen Männer wie eine Brücke aufeinander, ein Leichnam nach dem anderen, sodass die Lebenden sicher die andere Seite erreichen können. Die Männer kämpften, um die Straße offen zu halten.

Drei Tage lang erklangen die Rufe der Muezzine [sie rufen fünfmal täglich zum Gebet] – jedoch nicht, um den Gebetsruf zu verkünden. Diese sanften, sprudelnden Klänge verloren sich im Wind, bevor wir ihre vollen Namen vernehmen konnten. Jedes Mal, wenn wir das Megafon knistern hörten, wussten wir, dass es wieder einen Gefallenen verkünden würde. Einen neuen Gefallenen zu den vielen davor, die versucht hatten, der rücksichtslosen Straße zu trotzen.

Ein jeder hatte sich damit abgefunden, dass die Straße erneut mit den Leichnamen der jungen Männer gepflastert sein werde. Ein jeder feierte die Straße, stets die Nachrichten verfolgend und vorgebend, ein Teil von dieser Straße zu sein – als seien wir eine einzige lange, menschliche Kette, die sich mit Spitzhacken langsam, aber stetig die Straße entlang bewegen würde.

Am Ende dieser Straße gäbe es Milch und Eier für die hungrigen Kinder, warme Kleidung sowie goldenen Weizen, der nur darauf wartete, durch die magischen Hände von Frauen in Brot verwandelt zu werden. Dort gab es Medikamente, die die Schmerzen der Patienten lindern und Menschenleben retten könnten. Am Ende dieser Straße wartete das verlorene Paradies, ein Versprechen von normalem Alltag, ein Versprechen von Wärme, Sättigung und Heilung.

Blutsaugende Händler stimmten auch in die Feier über die Straße ein. Auf einmal waren ihre Regale zum Bersten gefüllt mit all jenen Sachen, die sie zuvor versteckt hatten – jedoch bestraften die Menschen sie damit, nichts zu kaufen. Wenn die Straße morgen ihre Arme öffnet, sagten sie, wirst du in Scham all jene Güter begraben müssen, die du zuvor versteckt hieltst.

Diese drei Tage beinhalteten mehr Träume als drei ganze Jahre. Sie beinhalteten Zukunftspläne – die Pläne derjenigen, die den Ort verlassen wollten, sowie die derjenigen, die zurückkehren wollten. Sogar die anderen abgeriegelten Regionen verfolgten den Kampf um die Straße, als ob er sie ebenfalls von der Belagerung befreien würde. Was sich jenseits der Straße befindet, verblasst im Vergleich zu dem, was davor liegt.

Nachrichten über die Straße verebbten jedoch bald. Es wurde berichtet, dass die Straße das Blut der jungen Männer aufgesogen und ihre Leichname umhüllt hätte. Die Träume vom verlorenen Paradies jenseits der Straße wurden beiseitegeschoben. Jedoch wird niemand diese Momente der Hoffnung vergessen; wie sie alle von alten, müden Kreaturen in beschwingte Menschen verwandelte, die die kommende Freude und das kommende Leben begrüßten.

Die Straße begrub zwar jene Hoffnungen, aber wirkte sich nicht auf die positiven Emotionen aus. Die Ereignisse erinnerten uns an das, was vor uns liegt. Es erinnerte uns daran, dass all der Schmerz erträglich werden könnte, wenn wir nur das Ende der Straße erreichten.

Die Straße vor uns ist immer noch lang sowie bespickt mit Hindernissen und Minen. Ihr Ende ist immer noch blockiert; was hinter der Straße liegt, bleibt uns weiterhin verborgen – was sich hinter der Blockade, der Revolution und dem Krieg befindet. Es bleibt ein Traum, der uns alle verbindet – als seien wir eine lange menschliche Kette, die sich mit Spitzhacken langsam, aber stetig die Straße entlang bewegen würde. Glücklich und gesegnet sind all jene, die sie Straße eines Tages überqueren.

Helfen Sie mit, die zivilen Komitees in den belagerten Vororten von Damaskus zu unterstützen!

Spenden für Syrien!

Lebanon NOW veröffentlichte den Beitrag am 11. Dezember. Übersetzung: Barbara Blaudzun.