Bereits im März 2013 hat Asharq Al-Awsat einen Artikel über Deir ez Zor verfasst, indem es um „The Syrian Conflict’s Forgotten City“ ging. Zu der Zeit war die Stadt noch nicht von ISIS belagert, an der Front bekämpften sich Soldaten des Regimes und Oppositionskräfte wie die Freie Syrische Armee oder die Furqan Brigaden. Von wenigen Medien zur Kenntnis genommen, litten die Menschen schon vor zwei Jahren an den Folgen der Auseinandersetzungen. Obwohl die Umstände heute deutlich drastischer sind, geändert hat sich an der mangelnden Aufmerksamkeit kaum etwas – und die Situation der Menschen in der Provinz entlang der syrisch-irakischen Grenze spitzt sich zu. Über eine Stadt, in der 300.000 Menschen unter der Belagerung zweier Diktaturen leben.

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Banner aus dem belagerten Deir ez-Zor: „Die Belagerung wird uns nicht dazu bringen, uns zu bewaffnen. (Quelle: creativememory.org)

Mit Beginn der syrischen Revolution sind auch die BewohnerInnen Deir ez Zors auf die Straßen gegangen, um gegen das Regime Assads zu demonstrieren und ihre Meinung kund zu tun. Wenige Monate später schickte Assad dann in einer landesweiten Offensive seine Truppen an die Orte, an denen Proteste stattfanden, um diese gewaltsam unter Kontrolle zu bringen. Darunter befand sich auch die Provinzhauptstadt Deir ez Zor, die im östlichen Teil Syriens liegt. Zwischen 2011 und 2014 haben sich die Freie Syrische Armee (FSA) und andere oppositionelle Kräfte mit dem Regime Assads Kämpfe um die Stadt geliefert, die zu einer weitestgehenden Kontrolle durch die Opposition über die umkämpften Gebiete führten. Allerdings haben sich im April 2014 die Weichen grundlegend neu gestellt, als ISIS mit auf den Plan trat. Die Radikalislamisten bekämpften die oppositionellen Rebellen, verdrängten diese und kämpfen nun entlang einer „kalten Front“ gegen die Truppen Assads. Bis auf wenige Teile der Provinzhauptstadt, den Militärflughafen sowie weitere kleinere Städte hat ISIS fast das gesamte Provinz an der Grenze zum Irak unter seiner Kontrolle.

Heute ist die Stadt von ISIS de facto besetzt oder belagert: Durch die Auseinandersetzungen zwischen dem Assad-Regime und ISIS spitzt sich die Situation für die Menschen in der Stadt immer weiter zu. Die rund 300.000 EinwohnerInnen, die sich noch in der Stadt befinden, sind eingekesselt und es ist für sie weder möglich, die Stadt zu verlassen, noch sich von außen mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Bedingungen haben sich in den letzten Monaten drastisch verschlechtert, den Menschen fehlt es am Grundlegensten, Krankheiten grassieren aufgrund fehlenden sauberen Wassers und Stroms. Die Anzahl derjenigen, die an Infektionskrankheiten leiden, ist in der letzten Zeit stark gestiegen und hat noch die dagewesene Ausmaße erreicht, wie al-Hal al-Soury berichtet, obgleich diese Infektionen mit einfachen Medikamenten behandelt werden können – jedoch fehlen diese vollständig.

Durch die Belagerung haben sich die Preise für Lebensmittel zum Teil verzehnfacht. Wie ein Aktivist aus Deir ez Zor berichtet, hätten fünf der sieben Bäckereien ihre Arbeit eingestellt, da sich das Mehl dem Ende zuneigt. Zudem verkauften oder verteilten sie das Brot nur an Regierungsangehörige oder diejenigen, die loyal gegenüber dem Regime sind. Das von den staatlichen Bäckereien produzierte Brot war für viele die einzige Nahrungsquelle, die vor Ort noch zugänglich ist. Einige haben daher die Stadt über den einzigen bisher zur Verfügung stehenden Weg verlassen: mit dem Militärflugzeug Iljushin. Um damit allerdings aus der Stadt zu gelangen, muss es gute Gründe geben, dringende medizinische Behandlung beispielsweise, oder die andere Variante kommt zum Einsatz: man besticht den zuständigen Beamten.

Nachdem auch die beiden Viertel Al-Jawra und Al-Qasour in Deir ez Zor sieben Monate lang belagert wurden, entschloss sich das Regime Anfang des Monats nun dazu, einen Ausgang aus den Vierteln zu sichern. Durch diesen sollen Frauen, Kinder und Männer unter 15 bzw. über 50 Jahren hinaus gelangen. Der Korridor, aus dem die Leute aus den Vierteln gelangen sollen, befindet sich an der westlichen Seite der Stadt, wo die Leute zu Fuß den letzten Checkpoint des Regimes in Aiash durchlaufen um danach den ersten Checkpoint von ISIS in Albou Jumaa zu passieren. Alsouria.net berichtet davon, dass diejenigen, die zum Verlassen des Viertels den Checkpoint passieren, dazu aufgefordert werden, Geld an die Beamten zu zahlen. Einige erzählen auch davon, sie seien erpresst worden, indem die Soldaten am Checkpoint ihnen unterstellten, sie hätten Familienangehörige unter den Leuten von ISIS. Das Verlassen des Viertels stellt somit noch immer keine Verbesserung der Umstände der BewohnerInnen Deir ez Zors dar, sondern stellt sie vor die Wahl zwischen Pest oder Cholera: zum einen gehen die Nahrungsmittelvorräte immer weiter zurück und zum anderen hat ISIS in den von ihnen kontrollierten Gebieten der Stadt und des Umlandes strikte Regeln etabliert, die den Menschen vor Ort aufgezwungen werden. In letzter Zeit gab es auch Meldungen darüber, dass ISIS in einem Trainingslager nahe Deir ez Zors Kindersoldaten ausbildet und diese an den Fronten kämpfen lässt.

Zerstörte Stadtteile von Deir ez Zpr. Die Menschen in der Stadt sind belagert von zwei Diktaturen: dem Assad-Regime und dem ISIS-Terrorregime.

Zerstörte Stadtteile von Deir ez Zor. Die Menschen in der Stadt sind belagert von zwei Diktaturen: dem Assad-Regime und dem ISIS-Terrorregime (Quelle: http://spioenkop.blogspot.de).

Deir ez Zor liegt im östlichen Teil des Landes nahe der irakischen Grenze und ist damit geographisch ebenso isoliert wie in den Medien oft vernachlässigt. Die medialen Hotspots des syrischen Konflikts liegen woanders, wobei Deir ez Zor keineswegs eine unbedeutende Stadt im syrischen Konflikt ist. Die Region ist reich an natürlichen Ressourcen wie Gas und Öl, der Zugang dazu ist ein wichtiger Machtfaktor für diejenigen Gruppen, die vor Ort um die Vorherrschaft ringen. Da Deir ez Zor auch mehr oder weniger die einzige größere Stadt in Ostsyrien ist, stellt sie auch einen strategischen Zugang zur gesamten Region dar, auch östlich der syrischen Grenze im Irak. Für ISIS ist dies von besonderer Bedeutung, da die Stadt ihre Gebiete im Irak mit Raqqa verbindet, so etwas wie die „Hauptstadt“ des Kalifats, das ISIS in Irak und Syrien ausgerufen hat.

Was meist allerdings außer Acht gelassen wird, wenn über Deir ez Zor geschrieben wird: im Inneren der Stadt befinden sich noch immer deren BewohnerInnen, die unter den Umständen extrem leiden. Der größte Teil von ihnen sind sunnitische MuslimInnen, was die Vermutung nahe legt, dass aufgrund konfessioneller Gründe meist weniger über die Menschen vor Ort gesprochen wird als über die strategische Lage der Stadt. Dabei leiden gerade auch die SunnitInnen dort unter der Herrschaft ISIS, wie der Syrian Observer berichtet. Die BewohnerInnen, die dort zu Wort kommen, sind sich einig, dass die Taten ISIS mit ihrem Glauben nicht viel gemeinsam haben. „Don’t they see when the mosques were built? Don’t they see the pilgrims from the area? This society is Muslim in essence, they cannot simply pronounce Syrians as unbelievers“ wird einer der Befragten zitiert. Die Fragmentierung der syrischen Gesellschaft entlang konfessioneller Linien wurde vom Assad-Regime während der ganzen Dauer des Konflikts angeheizt und gefördert. Sunnitische MuslimInnen haben daher einen besonders schweren Stand, da sie oft mit den radikalisierten Gruppen in einen Topf geworfen werden und die hier notwendige Differenzierung meist ausbleibt. Dies ist nicht nur eine Ungerechtigkeit gegenüber den in Deir ez Zor lebenden sunnitischen MuslimInnen, sondern ebenfalls eine gefährlich einseitige Darstellung in den Medien!

Bereits seit Ende 2011 unterstützt Adopt a Revolution syrienweit 40 zivile Gruppen in ihrer Arbeit gegen Diktatur und religiösen Fanatismus. Hierzulande informieren wir über die komplexe Lage in dem Land. Helfen Sie mit, stärken Sie die Arbeit der jungen syrischen Zivilgesellschaft!

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