Atareb: Die Menschen wieder zusammenbringen

In Atareb bauen AktivistInnen ein Zentrum der Zivilgesellschaft auf. Es soll auch das Gemeinwesen heilen, das nach fünf Jahren Krieg durch Misstrauen und Furcht geschwächt ist.

Die EinwohnerInnen Atarebs haben viele Kämpfer kommen und gehen sehen. Erst vertrieb die Freie Syrische Armee das Regime, dann infiltrierte die Terrormiliz Islamischer Staat den Ort und wurde wieder verjagt, Anfang 2015 rang der al-Qaida-Ableger Jabhat an-Nusra die zwischenzeitlich dominante Hazzm-Bewegung nieder. Die einzige Konstante: Der stete Bombenterror der syrischen Armee. Ein Journalist beschrieb den Ort schon vor vier Jahren als Trümmerlandschaft. Atareb ist nichts erspart geblieben.

Nun errichten AktivistInnen in diesem geschundenen Ort ein Zentrum der Zivilgesellschaft.
Ein Klima des Misstrauens hat sich breit gemacht, das Gemeinwesen ist zersplittert. Dagegen wollen die jungen AktivistInnen angehen. Fünf waren sie, als sie vor kurzem angefangen haben. Mittlerweile ist die Gruppe bereits auf ein gutes Dutzend angewachsen.

„Wir wollen die Bevölkerung mehr und direkter unterstützen“, sagt Muhammad, einer der Initiatoren des Projekts. Keine 40 Kilometer westlich von Aleppo liegt der Ort, rund 60.000 Menschen leben in dem Distrikt, ein Drittel davon Binnenvertriebene. Muhammad war eigentlich als Medienaktivist tätig, dokumentierte das Geschehen in Atareb und Umgebung. Auch er hat erlebt, dass die Menschen ihm gegenüber abweisender wurden. Sie sind müde: „Die Leute wollen einfach nur noch überleben und irgendwie weitermachen. Wir wollen ihr Vertrauen wieder zurückgewinnen.“ Deswegen verschieben sie ihren Fokus weg von der Medienarbeit. Wieder näher zu den Menschen. Auch andere Organisationen und AktivistInnen aus der Region wollen sie einbinden. Und es gibt viele drängende Probleme. Die Kinder etwa. Der Krieg hat zur Vernachlässigung der Bildung geführt, viele fühlen sich auch zu den Ideen des Krieges hingezogen. Sie tendieren in Richtung Bewaffnung und Gewalt, oder ziehen sich zurück.

Die „zivile Kultur“ stärken
Muhammad und seine MitstreiterInnen wollen wieder eine „zivile Kultur“ stärken, die Kinder dazu anregen, sich wieder mehr mit ihrer Umgebung auseinanderzusetzen und gleichzeitig nicht zu Kämpfern zu werden. „Schließlich sollen sie ihr Land irgendwann wieder aufbauen können“, sagt Muhammad. Sie bieten mittlerweile Musik- und Zeichenkurse, sowie sportliche Aktivitäten an. Und das ist erst der Anfang. Mittelfristig soll ein Bildungsprojekt entstehen, das sich nicht nur an die jungen Menschen richtet. „Wir wollen die Leute etwa über die Rechte aufklären, die ihnen zustehen, um ein neues, wiedererstarktes Gemeinwesen zu schaffen.“

Die Werte, die sie dabei vertreten, sind die der ursprünglichen Revolution. Sie haben sie in ihrem Motto niedergeschrieben: „Freiheit – Würde – Zivilgesellschaft – Gleichheit“

Derweil hören die AktivistInnen nicht auf, das zu leisten, was sie schon seit Jahren tun: Den Krieg dokumentieren, Menschenrechtsverletzungen aufzeigen. „Egal ob vom Regime, oder den Radikalen“, betont Muhammad. „Viele in der Welt halten uns alle für Terroristen, die ISIS oder Jabhat an-Nusra akzeptierten, deswegen unterstützen sie stillschweigend Assad.“

Muhammad kann sich gut daran erinnern, wie es unter den Radikalen war. Als zivilgesellschaftliche AktivistInnen waren sie wandelnde Zielscheiben. „Wir waren immer zu zweit, um einander den Rücken freizuhalten“, erzählt er. Viele in Atareb haben den Dschihadisten deutlich gezeigt, was sie von ihnen halten. Im Sommer 2015 kam es zu Protesten gegen das Willkürregime der Islamisten. Immer höher trieben sie den Preis der Besatzung. Mit Erfolg: Heute sind nur noch wenige der Radikalen in den Außenbezirken. Ihre Checkpoints haben sie aufgegeben, Kontrolle haben sie keine mehr.

Aufklärungskampagne über Brandbomben

Aufklärungskampagne über Brandbomben

Aufklärung leisten
Dennoch haben die Russen in der Nacht vor unserem Gespräch viermal die Stadt bombardiert, erzählt Muhammad. Für jemanden, der in Atareb lebt, bedeutet das, dass die Lage regelrecht ruhig ist. Gerade besorgt sie der vermehrte Einsatz von Brandbomben, die zahlreichen Berichten zufolge gar weißen Phosphor enthalten könnten. Die Chemikalie entzündet sich an der Luft und verbrennt anschließend mit ungeheurer Hitze. Löscht man sie nicht richtig, so entflammt sie erneut. Nun wollen sie aufklären. Wie man im Falle eines Angriffs damit umgehen muss, wie man sich schützt, wie man die Brände löscht. Wenngleich es in Atareb gegenwärtig noch bei konventioneller Munition und Fassbomben bleibt, sorgen sie sich. „Wir sind uns sicher“, meint Muhammad, „dass es auch uns noch treffen wird.“ Deshalb verbreiten sie Plakate, reden mit den Leuten. In Kooperation mit den Weißhelmen, den zivilen syrischen ErsthelferInnen, die die Opfer von Bombenangriffen bergen, organisieren sie eine Veranstaltung.

Seine MitstreiterInnen sind, wie er, erfahrene AktivistInnen. Muhammad war lange Mitglied des lokalen Koordinationskomittees. Diese oppositionellen Keimzellen der Revolution bildeten in den ersten Jahren das Herz des friedlichen Widerstands. In Atareb organisierten sie Demonstrationen und Veranstaltungen, später koordinierten sie die Verteilung von humanitärer Hilfe und unterstützen beim Wiederaufbau der teilweise zerstörten Schulen. Auch die Einrichtung eines Kulturzentrums und eines Kindergartens haben sie auf die Beine gestellt. So entstand langsam etwas Neues in Atareb. Trotzdem geben sie sich nicht mit sich zufrieden: „Wir müssen uns weiterbilden und professionalisieren.“ Bis der Krieg dazwischen kam, hatte Muhammad Maschinenbau gelernt. Er würde gerne sein Studium fortsetzen, wenn eines Tages alles vorbei ist: „Um etwas für mein Land zu tun.“

Zentren der Zivilgesellschaft vernetzen zivile Initiativen, um ihre Kräfte zu bündeln, fördern den Erfahrungsaustausch der Gruppen untereinander und unterstützen die Bevölkerung bei der Selbsthilfe. So schaffen sie vor Ort Strukturen, mit deren Hilfe sich die Menschen mit friedlichen Mitteln gegen Diktatur und Dschihadismus zur Wehr setzen. Unterstützen Sie Atareb!

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