Blockade der Angst durchbrechen

Sie werden von Flugzeugen des Assad-Regimes und der russischen Luftwaffe bombardiert und zugleich von radikalislamistischen Kämpfern bedroht – und geben dennoch nicht auf: In Atareb trotzen Aktivisten des zivilgesellschaftlichen Zentrums Diktatur und Terror. Ein Interview mit Mohammed Shkrady, einem der Aktivisten.

+++ Dieser Artikel stammt aus unserer neuen Zeitung +++

Die Medien hier haben in der letzten Zeit viel über die Luftangriffe auf Ost-Aleppo berichtet. Ihr lebt in Atareb nur rund 30 Kilometer davon entfernt. Wie ist die Situation bei Euch im westlichen Umland?

Atareb hat den größten Anteil der Flächenbombardierung durch das Assad-Regime westlich von Aleppo abbekommen. Dabei wurden zivile Strukturen wie Märkte, Krankenhäuser, medizinische Zentren und Hauptverkehrsadern bombardiert. Jeden Tag Luftangriffe, Todesopfer, Verletzte. Weil die Marktgegend von Atareb besonders Ziel der Luftangriffe war, wo sich auch unser Büro befindet, arbeiten wir unter schwersten Umständen, zeitweise haben wir unsere Arbeit vollkommen eingestellt, dann sie aber trotz Bombardement wieder aufgenommen, Workshops veranstaltet und an der Dokumentation der Luftangriffe gearbeitet.

aaa_1274-kopieIn Atareb war zeitweise auch der »Islamische Staat« präsent, später dann die Al-Nusra-Brigaden. Gibt es noch radikalislamische Kämpfer in der Stadt?

Die Bevölkerung hat hier zuerst mit voller Kraft gegen das Assad-Regime rebelliert. Als dann der IS bei uns eindrang und uns die Revolutionsflagge verbieten wollte wie auch sonst alle möglichen Aktivitäten, denen man als junger Mensch und Aktivist nun einmal so nachgeht, konnte die Bevölkerung von Atareb das nicht hinnehmen. Also starteten wir eine Revolte gegen den IS. Der hatte zwar nicht die vollständige Kontrolle über die Stadt übernommen, verfolgte aber Aktivisten und ermordete Menschen auf offener Straße. Rund 30 bis 40 Menschen wurden allein hier durch den IS umgebracht. Die Leute fingen dann an sich gegen den IS aufzulehnen und der IS konnte vertrieben werden. Später richteten sich die Demos gegen jegliche Einmischung der Nusra-Front in Atareb, vor allem gegen den Einzug von Nusra-Mitgliedern in unsere Gerichte. Irgendwann gab es jeden Tag Proteste, es kam zu zivilem Ungehorsam. Schließlich verbrannten wir Reifen, bis auch das letzte Nusra-Quartier aus Atareb abzog. Nach ungefähr einer Woche hatten die Proteste es geschafft, die Nusra-Front zu zwingen, sich in ein ungefähr vier Kilometer von der Stadt entferntes Quartier zurückzuziehen. Die Proteste gegen IS und al-Nusra unterschieden sich kaum von denen, die wir damals gegen das Regime gemacht haben. Nur waren sie stärker und heftiger, weil die Blockade der Angst, die uns früher im Nacken saß, inzwischen durchbrochen war.

AktivistInnen entfernen in Atareb die Parolen radikalislamistischer Kämpfer

AktivistInnen entfernen in Atareb die Parolen radikalislamistischer Kämpfer (Archivbild 2014)

Welche bewaffnete Gruppe hat momentan das Sagen in Atareb?

Es gibt keine Milizen mehr in der Stadt, seitdem wir die Nusra-Front von hier vertrieben haben. Unser Ziel ist, dass keine militärische Fraktion das von den Assad-Truppen befreite Gebiet kontrolliert. Die Aufgabe der bewaffneten Fraktionen beschränkt sich lediglich darauf, die Gegend von den Assad-Truppen zu befreien und die Stadt an ihren Grenzen zu beschützen. Es ist nicht ihr Job, das Gebiet zu regieren. Dafür haben wir hier den Lokalen Rat und die Freie Polizei, die kümmern sich um alles Nötige.

Worin seht Ihr Eure Rolle als Zivilgesellschaftliches Zentrum?

Wir wollen eine pluralistische Gesellschaft, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Freiheit. Dabei haben wir uns dem gewaltfreien Widerstand verschrieben. Ein großer Teil der Jugend fühlt sich verloren und ist auf Waffen fixiert. Wir wollen die jungen Leute zusammengebringen, die eine zivilgesellschaftliche und pazifistische Einstellung haben. Mithilfe des Zentrums können sie ihre Visionen verwirklichen und weiter dem friedlichen Freiheitskampf nachgehen. Bis das Assad-Regime endlich fällt – und auch nach dem Fall des Assad-Regimes. Denn wenn wir nicht jetzt den Bürgern ihre Rolle in der Gesellschaft näherbringen, werden wir scheitern. Dann käme irgendwann der Sturz des Regimes, und es gäbe keine Grundlage für einen demokratischen Wandel.


Das Interview führte Oras Shukur.