Drei Monate nach dem Giftgas-Einsatz gegen Vororte von Damaskus zieht der Aktivist Sami aus Erbin Bilanz. Wir hatten mit ihm direkt nach den Angriffen gesprochen, als er Hilfs- und Rettungsaktionen aufs Engste begleitete. Jetzt fast er seine Erlebnisse zusammen, zieht als Bilanz, dass Assad vom Henker zum Gesprächspartner mutiert ist, und erklärt, warum die AktivistInnen weitermachen werden. Das Interview wurde vor wenigen Tagen per Skype geführt.

Am frühen Morgen des 21. August wurde Ost-Ghouta mit Chemiewaffen angegriffen. Was ist bei euch in Erbin in den folgenden Tagen passiert?

Sami: Es war einfach nur schrecklich, denn wir waren direkt dran an den Ereignissen. In kürzester Zeit nach den Einschlägen wurden die ersten Verletzten und Toten in unser Untergrund-Krankenhaus eingeliefert. Schon im Morgengrauen mussten die ersten Leichen begraben werden, weil es nicht genug Platz gab, sie länger aufzubewahren. Wir haben noch mehrere Tage lang Leichen aus verschlossenen Häusern geborgen und versucht, Medikamente für die Verwundeten zu organisieren. Deren Symptome haben schnell bestätigt, dass es sich um einen Einsatz von Sarin handeln musste. Doch das Regime hat lange versucht zu leugnen, dass überhaupt etwas passiert ist. Selbst nach all den Belegen und der Untersuchung durch die UN-Chemiewaffen-Experten beschuldigt Assad weiterhin die FSA, für den Giftgaseinsatz verantwortlich zu sein.

Opfer Angriffe Damaskus 21.7.

Opfer des Angriffs in einem Untergrundkrankenhaus in der Umgebung von Zamalka.

Wie haben die Menschen auf die Angriffe reagiert?

Viele standen unter Schock. Besonders wenn sie die Opfer kannten, aber auch wegen der Bilder des Grauens, die in unmittelbarer Nähe unserer Wohnorte aufgenommen wurden: im Schlaf erstickte Kinder, Familien, die erst nach Tagen in ihren Häusern gefunden wurden. Zu all dem beherrschte die Angst die Menschen. Nachts dichteten wir unsere Häuser ab und legten nasse Tücher neben die Betten. Bei jedem kleinsten Anzeichen, dass wieder etwas passiert sein könnte, brach Panik aus. Die konkrete Angst hat sich inzwischen gelegt, aber mit konventionellen Waffen werden wir weiterhin täglich beschossen.

Wie haltet ihr den ständigen Beschuss aus?

Anders, als viele vermuten würden, haben wir in den letzten Monaten viele Rückkehrer in unsere Stadt. Sie waren geflüchtet, haben aber feststellen müssen, dass die Lage in anderen Gegenden nicht besser ist. Wir haben uns einfach daran gewöhnt und leben jetzt mit dem Risiko, getroffen zu werden. Nur der bevorstehende Winter macht uns Sorgen. Die Vorstädte von Damaskus sind aktuell weitgehend abgeriegelt, was auch für Lebensmittel gilt. Nur selten, wenn es Vereinbarungen mit den Soldaten am Checkpoint gibt, kommen Waren rein und raus. Die humanitäre Katastrophe steht unmittelbar bevor. Das Regime nutzt offenbar den Hunger als neue Waffe gegen die Bevölkerung.

Kann es passieren, dass wieder Chemiewaffen eingesetzt werden?

Das glaube ich nicht. Die westlichen Staaten waren kurz davor, das Regime anzugreifen. Dieses Risiko wird Assad nicht noch einmal eingehen. Er hat mehr zu gewinnen, wenn er die Chemiewaffen jetzt zerstört.

Warum?

Assad wird wieder als Ansprechpartner ernst genommen und verhandelt mit den Vereinten Nationen. Die westlichen Staaten akzeptieren, dass er an der Macht bleibt, solange er nur die Massenvernichtungswaffen abgibt. Deswegen haben sie einen viel größeren Wert, wenn er sie jetzt zerstört, als wenn er sie noch einmal einsetzt. Das Regime bekommt ja genug konventionelle Waffen, die er gegen die Aufständischen und die Zivilbevölkerung einsetzen kann. Die sind ja inzwischen akzeptiert.

Koalition und Milchpulver

Demonstration in Erbin: „Wer nicht einmal eine Dose Milchpulver nach Ghouta bringen kann, wird in Genf nichts erreichen.“

Was erwartet ihr von Verhandlungen für ein Abkommen in Genf?

Da wird nichts für uns herauskommen. Auf einer der letzten Demonstrationen haben wir die Exilopposition kritisiert. Auf einem Plakat stand: „Wer nicht einmal eine Dose Milchpulver nach Ghouta bringen kann, wird in Genf nichts erreichen.“ Diese selbsternannten Vertreter des syrischen Volks haben bisher nichts für uns erreicht. Warum sollten wir darauf vertrauen, dass sie jetzt auf dem Verhandlungsweg die Assad-Diktatur und sein Regime der Folter, der Unterdrückung und der Geheimdienste loszuwerden?

Und vom Ausland?

Die Situation nach dem Einsatz der Chemiewaffen war unsere letzte Chance, dass die internationale Gemeinschaft ernsthaft etwas für die Menschen in Syrien unternimmt. Das ist nicht passiert und welchen Grund könnte es jetzt noch geben, dass sich jemand dem Morden entgegenstellt? Seit klar ist, dass die Chemiewaffen nicht in die Hände von al-Qaida fallen, würden die Staaten sogar eine Wiederwahl von Assad per Wahlbetrug im nächsten Jahr zulassen – selbst wenn bis dahin noch einmal 100.000 Menschen getötet werden sollten.

Schule im Untergrund

„Wir bauen unsere Zukunft.“ Die Schule in Erbin hat aus Sicherheitsgründen keine Fenster, falls in der Nähe Geschosse einschlagen.

Wie könnt ihr in so einer Situation weitermachen?

Selbst wenn die Lage immer schlimmer wird, gibt es kein Zurück mehr. Wir glauben nicht, dass Assad militärisch gewinnen kann – und selbst wenn, dann wird er die Kontrolle über die Köpfe der Menschen nicht wiedergewinnen. Deswegen schauen wir voran. In den letzten Monaten haben wir in Erbin wieder Schulen eingerichtet und bieten Unterricht für 4.000 Kinder an. Auf die Chemiewaffen-Angriffe haben wir reagiert, indem wir psychologische Unterstützung für die Hinterbliebenen organisiert haben. Und als nächstes wollen wir eine Bibliothek einrichten und ein Zentrum eröffnen, um die Kultur im Ort wiederzubeleben. Wir haben gerade erst die Freiheit von der Diktatur erlangt. Die müssen wir jetzt nutzen, um eine bessere Gesellschaft für die Zukunft aufzubauen – egal, wie lange es noch dauern mag.

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