"Hilfskomitees wie unseres garantieren den Fortbestand der Revolution"- Bericht aus Kafranbel

Kafranbel ist sehr bekannt für den Humor seiner BewohnerInnen sowie für die Kreativität, die Ironie und die Gewaltfreiheit des Protests dort. Doch in dem kleinen Städtchen im Norden Syriens trifft das Schicksal die Menschen genau so hart wie in Homs oder Aleppo.

Umgeben von den vielen verschiedenen Kämpfen, die momentan in Syrien ausgetragen werden, haben AktivistInnen aus Kafranbel beschlossen ein neues Komitees zu gründen. Die Aufgabe dieses Komitees soll es sein, den Kriegsopfern und den Geschädigten zu helfen und die menschlichen und materiellen Schäden einzugrenzen, die diese während der Revolution seit März 2011 erleiden mussten.
„Das Bedürfnis nach solchen humanitär ausgerichteten Komitees wächst, je länger die Revolution andauert. Hilfskomitees wie unseres garantieren somit auch den Fortbestand der Revolution und die Unterstützung der breiten Masse für die Revolutionäre“, meinen die AktivistInnen in Kafranbel angesichts des allgegenwärtigen Mangels und der fehlenden Hilfe von außen.


Video: AktivistInnen aus Kafranbel kommentierten mit diesem Clip sarkastisch die internationalen Reaktionen auf den Chemiewaffeneinsatz in Ost-Ghouta, Damaskus.

Das Komitee gründete sich Ende August 2012 und dem Gründungsprozess wohnten verschiedene Persönlichkeiten der Stadt Kafranbel bei. Der Vorstand des Komitees wird weiterhin nach wie vor von einer Gruppe von AktivistInnen aus verschiedenen Disziplinen wie etwa der Medizin, dem Ingenieurswesen, der Statistik, der Soziologie und Pädagogik sowie von Experten in rechtlichen Fragen beaufsichtigt.
Ein nicht unerheblicher Teil der Spenden für die Arbeit des Komitees wird von Angehörigen der Stadt selbst erbracht – hauptsächlich von denen, die in den arabischen Golfstaaten leben, insbesondere in Saudi-Arabien. Viele Arbeitsemigranten aus Kafranbel zahlen regelmäßig einen Betrag zu Gunsten des Komitees. Zusätzlich erhält das Komitee aber auch Unterstützung von Wohltätigkeitsorganisationen.

Die Ziele des Komitees sind die Bereitsstellung materieller und medizinischer Hilfe und Nothilfe für betroffene Familien und Einzelpersonen. Die AktivistInnen hoffen, damit einen Beitrag zu Linderung des Leidens der BewohnerInnen von Kafranbel leisten zu können. Finanzielle Zuwendungen erhalten vor allem die Familien von Getöteten, Verletzten, Inhaftierten und Verschwundenen. Für sie wurde eine Art monatliches Gehalt festgelegt.
Bevor andere Hilfsgüter organisiert und verteilt werden, stellt das Statistikbüro des Komitees auch fest, welche Bedürfnisse (Nahrungsmittel, Kleidung, Medizin, Brennstoffe) unter den Einwohnern der Stadt überhaupt in welchem Maße vorhanden sind. Es führt ebenso die Bestandsaufnahme und Registrierung von Spenden und Hilfsgütern, die zum Wohl der Stadt geflossen sind, durch. Zur Bewältigung der anfallenden Hilfsarbeit unterteilte das Komitee außerdem die Stadt Kafranbel in sechs Teile und die Versorgung dieser sechs Zuständigkeitsbereiche wird nun von jeweils drei AktivistInnen geleitet. Das erleichtert die Umsetzung von Plänen und Programmen des Komitees in den einzelnen Bezirken enorm.


Video: Familienangehörige von Getöteten aus Kafranbel erhalten von verschiedenen lokalen Gruppen eine Art Waisenrente.

Zu den Aufgaben der Statistikbüros gehört auch die Beurkundung der Namen der Toten und deren Todesursache, sowie der Namen der Verletzten und des Grades ihrer Verletzung. Ebenso dokumentieren sie die Fälle der Verhafteten und Verschwundenen sowie die Namen der desertierten Soldaten und der entlassenen bzw. „desertierten“ Staatsbeamten. Außerdem nimmt die Statistikabteilung die Angaben über komplett zerstörte als auch teilzerstörte Häuser und Läden, beschädigte Agrarflächen und anderweitig verlorenen Besitz auf. Dies wird in der Zukunft den Prozess der Entschädigung der Besitzer vereinfachen. Es leitet außerdem die Registrierung der Familien, die geflohen sind oder zum verlassen ihres Heimatortes gezwungen wurden und hält die Orte fest, an die sie sich begeben haben.

Die meisten der Nachbardörfer und –städte durchleben momentan die gleichen schwierigen Umstände und es kommt zu akuten Notsituationen wie beispielsweise Fällen von Massenflucht nach starker Zerstörung durch einen Luftbeschuss. In solchen Situationen müssen das Komitee und andere Gruppen ihre gesamte Kraft aufwenden, aber die Herausforderungen übersteigen meist trotzdem ihre Möglichkeiten. Oft reicht die dargebotene Hilfe nicht aus, um die dringendsten Nöte aller Betroffenen zu stillen und wenn eine eine humanitäre Notlage mit einer anderen kollidiert, dann fehlt es an allen Ecken und Enden. Die AktivistInnen des Komitees Kafranbel bitten deswegen um größtmögliche Unterstützung.


Video: Da man die Brot- bzw. Mehlversorgung in die Gebiete, die von Rebellen gehalten werden, gekappt hat, kümmerten sich AktivistInnen aus dem Gouvernorat Idlib, in dem auch Kafranbel liegt, um den Aufbau einer eigenen Produktionsstätte.

Um seine Ziele zu verwirklichen, arbeitet das Komitee unabhängig und möchte sich politisch auf keine bestimmte Seite stellen und auch für keine der Konfliktgruppen Partei ergreifen. Es soll ein Komitee „von allen für alle“ sein. Ebenso wenig würde das Komitee beispielsweise finanzielle Unterstützung akzeptieren, die an bestimmte Bedingungen gebunden ist. Nur das garantiert den Erfolg der Arbeit des Komitees, das sonst auch das Vertrauen der BewohnerInnen der Stadt verlieren würde.

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