Am 30. September griff die russische Luftwaffe erste Ziele in Syrien an – darunter die Stadt Talbiseh, nördlich von Homs. Anders als von der russischen Regierung behauptet, sind vor Ort weder ISIS noch die al-Kaida-nahe Nusra-Front aktiv. Stunden nach dem Angriff haben wir mit unseren Projektpartnern vom Medienzentrum in Talbiseh gesprochen. Im Interview berichten sie von den Luftangriffen auf Wohngebiete und darüber, dass es sich vor Ort nicht um einen Kampf gegen den ISIS-Terror handeln kann. Lesen Sie das Interview!

Adopt a Revolution: Russland hat seine ersten Angriffe auf syrischen Boden geflogen, angeblich mit dem Ziel ISIS. Nun hat es mit Talbiseh und Rastan offensichtlich auf zwei Orte gezielt, in denen dieser gar nicht zu finden ist. Warum ausgerechnet hier?

Medienzentrum Talbiseh: Wir vermuten, dass die ganzen kleinen Gegenden, die belagert, aber oppositionell sind, angegriffen werden sollen. Talbiseh etwa ist eine strategische Stadt, für das syrische Regime genauso wie für die Opposition. Direkt an der Verbindungsstraße zwischen Damaskus und Aleppo gelegen, ist sie die erste Stadt an der Front mit dem Regime und versorgt die Kämpfer der Freien Syrischen Armee mit Nachschub. Wenn das Regime es schafft, diesen Teil einzunehmen und die Oppositionellen dort loszuwerden, kommt die nächste Front erst wieder bei Idlib weiter im Norden. Bereits vor und während dem Opferfest hat das Regime Talbiseh daher massiv mit Fassbomben attackiert. 

Wie sieht die medizinische Lage vor Ort aus?

Die Gegenden sind belagert und haben schon seit langer Zeit sehr wenige Ressourcen was die Versorgung mit Nahrungsmitteln und wichtigen Medikamenten anbelangt. Wenn das Bombardement noch drei oder vier Tage weitergeht, dann haben die Feldkrankenhäuser ihre Kapazitäten gänzlich erschöpft und somit ausgedient. Auf solch eine Situation sind sie nicht vorbereitet und dafür auch nicht ausgestattet. Bis jetzt gibt es ungefähr 20 Tote, die durch die Angriffe ums Leben gekommen sind. 

Wie schätzt ihr die Absichten des Bombardements ein? Welche Ziele wurden getroffen?

Die FSA hat keine expliziten Stützpunkte oder Zentren geschweige denn Equipment wie Militärautos. Die Kämpfer schlafen alle in der Stadt, sie kommen von der Front, schlafen zu Hause und gehen am nächsten Tag wieder kämpfen. Jeglicher Kampfpunkt und jegliche Front sind von den Einschlagsorten mindestens fünf Kilometer entfernt. Es scheint so, als wollten sie gar keine Kämpfer angreifen, sondern gezielt ZivilistInnen ins Visier nehmen. Bis jetzt wurden ausschließlich zivile Ziele getroffen! 

Wie ist die Beziehung zwischen den bewaffneten Gruppen und den ZivilistInnen in Talbiseh?

Die ZivilistInnen haben das letzte Wort. Alles, was von militärischer Seite her durchgeführt wird, muss zunächst am zivilen Rat (Majlis Madani) in Talbiseh vorbei. Dieser entscheidet alles, auch militärische Aktionen. Der Rat wird von allen BewohnerInnen der Stadt gewählt. 

Wie sieht es mit Jabhat al Nusra aus?

Jabhat al Nusra gibt es in Talbiseh nicht. Sie sind in anderen Gegenden weiter weg aktiv. Hier bei uns spielen sie überhaupt keine Rolle. Genauso wie ISIS! Jabhat al Nusra hat ebenso wie ISIS keinerlei gesellschaftlichen Rückhalt hier. 

Was ist eure Aufgabe als Komitee?

Wir haben soweit alles dokumentiert, vor allem die zivilen Opfer, unter denen hauptsächlich Kinder und Frauen waren. Wir fragen uns die ganze Zeit: wo sehen die russischen Kämpfer denn ISIS? Unsere Arbeit ist es jetzt zu dokumentieren, dass die angegriffenen Ziele zivile Gegenden waren und dies international bekannt zu machen. Das Regime will uns um jeden Preis loswerden und wir wollen, dass das alle erfahren!

Was bedeuten die Geschehnisse nun für die Region?

Bombardements und das Abwerfen von Fassbomben gehört hier zum Alltag, aber wenn wir so bombardiert werden wie gestern, dann müssen wir aufgeben. Die Leute werden dann versuchen diese Gegend hier zu verlassen, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Wir selbst haben Familie und Verwandte in Talbiseh, die wir nicht in Sicherheit bringen konnten. Oder die Gegend wird an das Regime übergeben und die Opposition verliert sie. Klar ist in jedem Fall, dass das Bombardement hier niemanden etwas bringt außer Assad. 

Seit Kurzem unterstützt Adopt a Revolution das Medienzentrum in Talabiseh, durch das die AktivistInnen den Diskurs über Syrien durch Kurzfilme und kleinere Dokumentationen mitbestimmen wollen. Ihre Arbeit ist jetzt wichtiger denn je! Stärken Sie die AktivistInnen vor Ort mit einer Spende!

Syrische Zivilgesellschaft stärken!

Herzlichen Dank!