2. Teil: »Überlebt zu haben war reines Glück«

Als die Revolution beginnt, sind sie gerade einmal um die 19 Jahre alt. Sie organisieren sich, streiten für ihre universellen Rechte – und müssen deshalb sterben oder fliehen. Die Geschichte einer Gruppe von jungen Damaszener Dissidenten.

Al-Shabab al-Suri al-Thair (dt. „Syrische Revolutionäre Jugend“) war eine der progressiven Gruppen des syrischen Widerstands gegen die Diktatur. Als sie 2014 zerschlagen wurde, schreibt ein Magazin,  Damaskus‘ linke Stimme sei erstickt worden. Im Gespräch berichten zwei Überlebende, Murad und Omar (beide 25), über ihre ermordeten Freunde, politischen Opportunismus und schmutziges Geld aus Katar.

2. Teil (2013-2014): Repression, Haft, Mord
Den ersten Teil des Gesprächs finden Sie hier.

Die zunehmende Repression durch das Regime trieb viele von euch Ende 2012 erstmal ins Exil.

Omar: Erst aufs Land, von da in den Libanon und nach Ägypten oder in die Türkei. Immerhin hatten sie Imad, Khalil und Mahmud im Rahmen eines Gefangenenaustauschs wieder freigelassen – nicht ohne sie vorher im Staatsfernsehen als zionistische Agenten vorzuführen, weil sie keinen Koran, dafür aber viel Arak in ihrer Bude gefunden hatten.

Als wir dann raus aus Syrien waren haben wir unsere Aktivitäten runtergefahren und versucht, ein bisschen Ruhe einkehren zu lassen.

Du warst noch ins Syrien, Murad?

Murad: Ja wir versuchten auf kleiner Flamme weiterzumachen, halfen Binnenflüchtlingen, verbreiteten Poster, Graffiti, Zeitungen und machten kleinere Proteste. Aber die Situation wurde immer schwieriger: Die Stimmung war mittlerweile am Boden. Nach jedem Protest gab es eine heftige Sicherheitskampagne und Leute wurde eingesperrt.

Die Menschen sahen nur noch den Krieg, die Gewalt und sie verloren den Glauben an die Proteste. Nach Juni 2013 wurde es fast unmöglich, noch zu mobilisieren. Unsere Ziele waren die der Revolution und viele Menschen glaubten weiter daran. Aber die Situation um uns herum wurde immer schwieriger.

Omar: Viele Menschen sind einfach müde, wollen, dass das Blut aufhört zu fließen, oder dass Assad endlich verschwindet. Damit das alles irgendwie aufhört. Der Fokus hat sich einfach mit all der Gewalt extrem verengt.

Murad: Selbst als wir immer mehr Freunde verloren haben, wollten wir aber weitermachen, auch um unsere Freunde wieder freizukriegen. Gerade ab 2013 wurde das zu einer zentralen Aufgabe für uns. Ihre Träume weiterzuverfolgen und jene, die eingesperrt worden waren, wieder freizukriegen.

Omar, du bist März 2013 aus Kairo nach Syrien zurückgekehrt. Warum?

Omar: Das hatte zwei Gründe. Alle unsere wichtigen Leute in der Gruppe waren entweder im Knast oder in Kairo. So konnte es aber nicht weitergehen. Die, die noch in Damaskus waren, brauchten Unterstützung. Und der zweite Grund war meine Freundin, die auch eine Genossin in unserer Gruppe wurde. Sie nahmen mich aber gleich an der Grenze fest. Wir hatten aber vereinbart, was wir sagen, wenn wir festgenommen werden. Wir hatten das alles geplant, wurden schon bei den Kommunisten auf Gefangenschaft vorbereitet. Ich gab ihnen also Tariqs Namen, denn den kannten sie ja sowieso schon und er saß ja bereits im Gefängnis und zwei weitere Namen von Freunden, die aber beide schon im sicheren Ausland waren. Sie folterten, sie setzten mich psychisch unter Druck, aber mehr bekamen sie nicht.

Die verschwundenen „Douma4“. v.l.n.r..: Samira al-Khalil, Nazem Hammadi, Razan Zaitouneh, Wael Hammadi

Im Sommer 2013 wurden Samira al-Khalil [Murads Tante], die Menschenrechtsanwältin Razan Zeitouneh und zwei weitere bekannte Aktivisten mutmaßlich von Jaysh al-Islam festgenommen.

Murad: Wir waren damals, wie gesagt, total beschäftigt mit den Gefangenen. Wir haben das alles dokumentiert, Listen zusammengestellt, um effektiver an den Fällen der Vermissten und Inhaftierten arbeiten zu können, Kampagnen inszeniert und mit Organisationen wie Amnesty kooperiert um ihre Fälle weiter zu verfolgen und ihre Geschichten bekannt zu machen.

Und als Samira und die anderen dann verschwanden, war das ein Riesenschock. Ich hatte sie erst ein paar Tage vorher gesehen. Zwei unserer Freunde wurden zum selben Zeitpunkt nördlich von Aleppo auch noch von ISIS verschleppt.

War das etwas, das ihr erst realisieren musstet? Dass auch die Rebellen eine Gefahr für euch darstellen?

Murad: Nein, uns war das klar. Es gab die, die versucht haben, die Taten von Rebellengruppen zu entschuldigen. Aber sie haben schon vorher versucht, Aktivitäten von uns zu verbieten.

Glaubst du, dass Samira und ihre Mitstreiter noch leben?

Murad: Wir sind uns relativ sicher, dass Samira im Frauengefängnis in Douma sitzt. Dort war sie schon einmal unter der Herrschaft von Hafiz al-Assad inhaftiert. Heute ist es unter Kontrolle von Jaysh al-Islam. Ich glaube, dass sie noch lebt. Zumindest hoffe ich es.

Amir, eines der getöteten Mitglieder der Gruppe

Die Einschläge kamen dann rascher und härter. Am 30. Dezember 2013 wurden sieben eurer Freunde vom Regime verhaftet.

Murad: Ich war einer von ihnen. Wir mussten immer mehr im Geheimen arbeiten. Die Lage wurde immer brutaler. Und an diesem Tag nahmen sie uns dann fest, brachten uns ins Gefängnis des Militärgeheimdienstes, die berüchtigte Zweigstelle 215. Sie verhörten mich. Wir waren in einer Zelle unter der Erde eingesperrt. Es ist ein grauenvoller Ort, ich werde da nicht ins Detail gehen. Dann wurde ein Freund zu uns gesperrt und er erzählte uns, dass sie jetzt alle von uns haben. Ich verstand ihn zuerst nicht, aber dann sagte er uns, dass sie Imad, Rudeen und die anderen geschnappt hatten. Während der ersten vier Monaten starben fünf von ihnen vor meinen Augen. Wir waren erst sieben, dann zehn, dann 14 im Gefängnis. Nur vier von uns haben es überlebt.

Wie kommt es, dass einige das Glück hatten freizukommen, so viele aber starben?

Murad: Es war wirklich einfach Glück. Schon eine kurze Zeit in diesem Gefängnis reicht, um zu sterben. Ich traf dort Freunde aus Homs, die mir halfen, einmal gaben sie mir eine Pille, die sie irgendwoher hatten. Andere aber starben schon wegen kleiner Wunden, die sich entzündet hatten. Es wäre so einfach gewesen, sie zu retten. Und eines Tages nach fünf Monaten standen die Wärter eben da, nannten Namen, wer freikommt. Das war willkürlich.

Das war das Ende eurer Gruppe?

Omar: Von Zeit zu Zeit taucht ein Poster oder ein Graffiti von uns in Damaskus auf. Aber die meisten sind geflohen oder haben aufgegeben. Es gibt ein paar, die jetzt vorgeben zum Regime zu stehen. Und das macht uns fertig. Denn bis heute wissen wir nicht, wie sie das Versteck unserer Freunde plötzlich finden konnten. Haben wir vor der falschen Person darüber gesprochen? Oder war es einer von ihnen, der sie verriet?

Mithilfe Russlands und des Irans erobert Assad immer größere Teile Syriens. Was bleibt?

Omar: Wir versuchen weiter die Geschichten der Leute zu erzählen, die an unserer Seite gestanden haben und starben. Wir wollten eines Tages sagen können, dass wir zumindest versucht haben, etwas zu verändern. Auch wenn es nicht funktioniert hat.

Murad: Homs ist heute ein Ort des Regimes, die Leute sind Sklaven der Assads, müssen aufpassen, was sie sagen. Es gibt niemanden mehr, der die eigentlichen Ziele der Revolution auf internationaler Ebene repräsentiert. Wir vertrauen niemandem von denen mehr.

Omar: Heute gibt es viele a-revolutionäre Kräfte. Sie sind gegen Assad, aber auch gegen die Revolution. Sie benutzen sie, reden über sie, behaupten, sie zu vertreten…

Murad: …aber es sind neue Arten der Diktatur, die die Revolution gestohlen haben. Als die FSA in Homs 2011 und 2012 immer mehr Gebiete eingenommen hatte, gab es eine breite zivile Bewegung, auf die die Rebellen auch Rücksicht genommen haben. Die Kämpfer waren die Söhne derer, die da protestierten, sie war Teil des Volkes… Aber heute? Jaysh al-Islam ist eine eigene Klasse, der die Menschen zu folgen haben.

Warum sind die Dinge so fürchterlich schiefgegangen?

Murad: Das Regime hat die Revolution in diese Richtung gedrängt, in Richtung der militärischen Auseinandersetzung. Auf diesem Feld war es überlegen. Und sobald es so weit war, mussten die Gruppen nach Unterstützung suchen, um an die Waffen und die Munition zu kommen. Sie wandten sich nach außen und die Türkei, Katar, Saudi-Arabien sprangen ein und spielten fortan die Hauptrolle dabei, den Charakter dieser Revolution zu verändern. Und das alles hat letztlich dem Regime geholfen, das mit iranischer und russischer Unterstützung einfach stärker auf diesem Feld ist.

Omar: Als es den Waffenstillstand letztes Jahr gab, kam es überall zu Protesten. An hunderten Orten. Heute widersetzen die Menschen sich den Islamisten verstärkt. Die Menschen wollen nicht mehr mit der Waffe niedergehalten werden. Sie stehen auf gegen al-Nusra. Die Waffen sollten die Menschen einmal verteidigen, nicht dazu genutzt werden, die eigene Macht auszubauen.

Die Revolution ist wie etwas, dass du verloren zu haben glaubst, aber es liegt nur in einer Ecke, verdeckt von einem Haufen Zeug, den du abtragen musst.

Omar und Murad leben heute in Berlin und Brandenburg.