1. Teil: »Viele Linke sehen nur die Großmächte, nicht die Menschen«

Als die Revolution beginnt, sind sie gerade einmal um die 19 Jahre alt. Sie organisieren sich, streiten für ihre universellen Rechte – und müssen deshalb fliehen oder sogar sterben. Die Geschichte einer Gruppe von jungen Damaszener Dissidenten.

Al-Shabab al-Suri al-Thair (dt. „Syrische Revolutionäre Jugend“) war eine der progressiven Gruppen des syrischen Widerstands gegen die Diktatur. Als sie 2014 zerschlagen wurde, schreibt ein Magazin, Damaskus‘ linke Stimme sei erstickt worden. Im Gespräch berichten zwei Überlebende, Murad und Omar (beide 25), über ihre ermordeten Freunde, politischen Opportunismus und schmutziges Geld aus Katar.

+++ Dieses Interview gehört zu unserer Serie
„Syriens Linke – Gespräche über die Revolution“ +++

1. Teil (2011-2012): Revolution, Aufbruch, Islamisten

Omar, als die syrische Revolution 2011 ihren Anfang nahm, warst Du wie auch Dein Freund Tariq Mitglied einer verbotenen kommunistischen Partei. Wie kam es, dass ihr euch von dieser Gruppe abgewandt habt?

Omar: Als die Revolution begann, haben die Parteikader Zurückhaltung gefordert. Sie behaupteten nicht zu wissen, was da draußen im Land wirklich geschieht. Das hat uns frustriert, denn auf diesen Moment haben wir schließlich hingearbeitet. Ich meine, wir waren Kommunisten – da geht es auch darum, für den kommenden Aufstand bereit zu sein. Aber die Führung forderte Zurückhaltung. Später fanden wir heraus, dass sie unter der Fuchtel Moskaus standen. Unser Vorsitzender hatte enge private Geschäftsbeziehungen nach Russland.

Beziehungen, die ihnen später sehr nützlich sein sollten.

Omar: Sie haben die Partei später legalisiert. Sie wurde dann sogar Teil der Regierung. Ließen sich von Assad dazu benutzen, Pluralismus vorzugaukeln. Und ihre guten Beziehungen zum Kreml halfen ihnen da natürlich.

2011 jedenfalls versuchten wir die Partei erst von innen zu verändern, aber wir scheiterten. Also verließen wir sie. Zuerst schlossen wir uns zur Linken Koalition zusammen. Zu ihr gehörte auch Jihad Asad Muhammad, ein Journalist. Seit Sommer 2013 sitzt er im Gefängnis. Von ihm haben wir viel gelernt.

Und doch habt Ihr Eure eigene Gruppe gegründet.

Omar: Ja, die Koalition war zu ideologisch. Damit kam man auf der Straße nicht weiter. Wir wollten eine inklusive Bewegung. Deswegen ist es eigentlich auch nicht richtig, unsere Gruppe als links zu labeln. Klar, Tariq, ich und andere waren ziemlich links – wieder andere aber nicht. Wir waren Menschen aus dem Damaszener Stadtteil Rukn Ad-Din, die sich zusammengetan haben. Unsere Kernforderungen waren ein ziviler Staat, Frauenrechte, Freiheit und Säkularismus. Demokratische Grundanliegen eben. Wir waren recht beeinflusst von der Bewegung des 6. April in Ägypten. Wir mochten ihre Art und versuchten so etwas nach Syrien zu bringen.

Wie muss man sich euer Viertel Rukn Ad-Din vorstellen?

Omar: In Rukn Ad-Din lebten vor allem die Mittelschicht und arme Menschen. Das Viertel zieht sich einen Berg hoch – desto höher du kommst, desto ärmer wird die Nachbarschaft. Früher war das vor allem ein kurdischer Stadtteil. Weil das Viertel günstig war, zog es dann viele ärmere, nach Damaskus kommende Menschen dorthin. Das Regime hat auch weniger privilegierten Militärangehörigen und Staatsbeamten Wohnungen dort gegeben. Es gab Kurden, Palästinenser, sunnitische und alawitische Araber. Außerdem ist das Viertel vom Regime regelrecht umzingelt. Oben auf dem Berg ist eine Militärbasis, weiter unten gibt es zwei Quartiere der Geheimpolizei.

2012 habt ihr dann Al-Shabab al-Suri al-Thair gegründet.

Omar: Genau. Vor allem war uns aufgefallen, dass islamische Stimmen innerhalb der Revolution immer lauter wurden. Doch die Revolution, die wir gestartet hatten, war nicht islamischer Natur.

Murad: Es war wichtig, unsere Anliegen wieder lauter zu vertreten. Und auch die Militarisierung nahm damals immer weiter zu. Es war wichtig, dass jemand den zivilen Charakter der Revolution hochhält.

Omar: Die islamischen Kräfte erhielten massive Unterstützung, medial etwa durch al-Jazeera und finanziell durch Länder wie Katar. Die universellen Ziele der Revolution drohten so gegenüber partikularen Zielen in den Hintergrund zu geraten. Ziele, die nicht mehr die Verbesserung der Lebensumstände aller im Sinn hatten.

Im Februar 2012 machten wir unsere erste größere Demo. Wir wollten erst mal nur sehen, was passiert, wenn wir so auftreten, wenn wir diese ursprünglichen Anliegen hochhalten.

Andere haben das aber schon zuvor getan.

Omar: Ja, aber sie waren leiser geworden. Wir wollten das wiederbeleben. Und die Leute fanden das gut. Das war großartig.

Wie haben diese islamistischen Kräfte darauf reagiert?

Omar: In den ersten Tagen wurden wir zu islamistischen Gruppen gerufen. „Ihr wollt aktiv sein? Könnt ihr sein, aber innerhalb unserer Bewegung“, sagten sie. Das war der erste Konflikt, mit dem wir uns konfrontiert sahen. Die hatten verdammt viel Geld und hätten uns mit allem versorgen können, was wir brauchten. Aber wir hätten eben auch ihre Ziele zu unseren machen müssen. Die meisten Menschen im Viertel waren aber normale Muslime, keine Radikalen. Die Islamisten kamen von außerhalb des Viertels. Und weil die Gegend arm war und es mit der Arbeitslosigkeit mit dem Aufstand für viele nur noch schlimmer wurde, kamen diese Kräfte nach Rukn Ad-Din, weil es dort einfacher für sie war, Fuß zu fassen.

Kräfte wie die Muslimbrüder?

Omar: Ja. Die luden mich einmal zu einem Treffen. „Wir können dir Geld geben, Computer, aber du musst reden wie wir das wollen“, hieß es.

Lasst mich kurz die Perspektive vieler deutscher Linker annehmen: Was war überhaupt euer Problem mit Assad? Es war doch immerhin alles relativ säkular.

Omar: Die Faschisten waren auch ziemlich säkular. Zuallererst ist es so, dass das politische System in Syrien nur sich selbst und nicht die Menschen repräsentiert hat. Seit über 40 Jahren herrschte diese eine Familie. Doch wir hatten Träume. Wir haben gesehen wie Europa lebt, wie Politik dort funktioniert. Wir Linken wollten natürlich etwas noch besseres, aber Europa ist ein Anfang. Zumindest lässt man niemanden einfach verschwinden, weil er abweichende politische Ideen hat. Kein quasi-monarchistisches Regime mehr.

Ich glaube übrigens nicht, dass Assad wirklich das Heft in der Hand hält. Seine Generäle haben dieses Land noch krasser als er kontrolliert. Dieses gesamte System muss ausgetauscht werden. Ein paar Änderungen machen keinen Sinn, Assad hat die politischen Kader und niedrigere Militärs schon oft genug ausgewechselt und es hat zu keiner Veränderung geführt. Dieses ganze System ist verantwortlich für das Töten, und nicht erst seit der Revolution.

Wie siehst du die deutsche Linke?

Omar: Nun, es gibt offensichtlich ein Problem zwischen uns und der Linken in Deutschland. Russland ist nicht mehr die Sowjetunion, sie unterstützen nicht die Linke, nicht die progressiven Kräfte. Putin bekämpft die Linken in Russland und in Syrien. Und das muss die Linke hier in Deutschland doch sehen. Aber viele stecken in diesen alten Denkmustern fest: Es gibt die, die gegen die USA sind, und jene, die für sie sind. Nein! Du kannst gegen Washingtons und Russlands Politik sei. So viele Linke sehen in Syrien nur die zwei Großmächte, aber sie sehen nicht ins Land, nicht die Menschen. Es gibt aber natürlich auch die Gruppen, die das sehr wohl tun.

Murad, du warst noch bis 2013 in Homs.

Murad: Ja, und dort war die Lage 2012 noch schlimmer. Längst dreht sich alles nur noch um Krieg. Wir hatten aber Omars Gruppe in Damaskus beobachtet und versuchten ähnliches auch in al-Waer aufzubauen. Unsere erste Demonstration fand im Januar 2013 statt. Wir waren damals schon von der Belagerung betroffen.

Omar: Wobei es natürlich nie nur um politischen Protest ging.

Murad: Wir haben auch versucht den Leuten unter die Arme zu greifen. Der Krieg, die Blockade, viele Menschen waren müde. Wir versuchten den Geist irgendwie am Leben zu halten. Und wir wurden akzeptiert.

Omar: Wir haben vermehrt humanitäre Hilfe geleistet. Aber wir haben das nicht öffentlich gemacht, denn sonst wäre fast zwangsläufig dreckiges Geld reingekommen. Wir wollten Menschen helfen, aber wir wollten das nicht zu unserem Job machen oder uns beeinflussen lassen. Und wir hatten gute Kontakte zu vielen Gruppen. Ob nun die Lokalen Koordinationskomitees oder Aktivistengruppen in Moadamiyah. Und wir hatten Leute in vielen Vierteln – deren Möglichkeiten reduzierten sich wegen der von den Sicherheitsdiensten ausgehenden Gefahr manchmal nur auf Graffitis mit Widerstandsparolen. Doch sie waren da. Oder wir versuchten Untergrundzeitungen zu verbreiten. Das Rising for Freedom Magazin etwa, dessen Büroräume Jaysh al-Islam gerade in Douma geschlossen hat.

Dann nahm die Repression langsam zu?

Omar: Und nicht nur durch das Regime. Wir vertreten säkulare Ideen, also begannen auch die Islamisten uns zu verfolgen, wir mussten an zwei Fronten streiten. Auch islamistische Gruppen begannen uns Drohnachrichten zu schicken. Vor allem an Tariq, später aber auch an mich. Auch deswegen gingen mehr und mehr von uns in den Untergrund.

Eines Tages gingen wir nach einer Demo zu unserem Freund Imad. Wir hatten den Fehler begangen, unser gesamtes Zeug von der Demo mit dorthin zu nehmen. Ich verließ sie dann nachts – am nächsten Morgen erhielt ich einen Anruf von Imads Nachbar: Ich solle schnell abhauen. Die Polizei sei dort gewesen und hätte Imad, Khalil und Mahmud festgenommen.

Das war Ende 2012. Wie habt ihr reagiert?

Omar: Vor allem Tariq und ich wechselten unseren Unterschlupf häufig, waren nie zu Hause und andere mussten erstmal für uns die Koordination der Gruppe übernehmen. Eines Tages wollten wir uns dann treffen, doch die Polizei war in meiner Straße, ich rief Tariq an und empfahl ihm abzuhauen, denn wenn sie bei mir aufschlagen, waren sie vielleicht auch auf dem Weg zu ihm. Ich konnte entkommen, aber als er das Haus verlassen wollte erwartete ihn schon der Sicherheitsdienst und nahm ihn fest. Er ist bis heute im Knast. Aber ich weiß zumindest, dass er noch am Leben ist.

Wie das Assad-Regime die Bewegung brutal zerschlug und was von der Revolution bleibt lesen Sie im zweiten Teil.